Digitale Souveränität für Unternehmen: Cloud, KI und Datenhoheit in Europa
Zurück zum Blog
Strategie & Business

Digitale Souveränität für Unternehmen: Cloud, KI und Datenhoheit in Europa

29. Januar 2026
11 min Lesezeit
Jonas Höttler

Digitale Souveränität für Unternehmen: Cloud, KI und Datenhoheit in Europa

"Unsere Daten liegen bei AWS" – ein Satz, der in Zukunft mehr Fragen aufwerfen wird. Die EU treibt digitale Souveränität voran, und Unternehmen müssen sich positionieren.

Was bedeutet das konkret? Welche Entscheidungen stehen an? Und wie findest du die Balance zwischen Innovation und Unabhängigkeit?

Was ist digitale Souveränität?

Digitale Souveränität bedeutet:

  1. Kontrolle über eigene Daten – Wo liegen sie, wer hat Zugriff?
  2. Technologische Unabhängigkeit – Keine kritische Abhängigkeit von einzelnen Anbietern
  3. Rechtliche Sicherheit – Welches Recht gilt für meine Daten?
  4. Strategische Handlungsfähigkeit – Können wir bei Bedarf wechseln?

Warum jetzt?

Politische Treiber:

  • EU Data Act in Kraft
  • AI Act mit Anforderungen an Transparenz
  • CLOUD Act Konflikt (US-Behördenzugriff auf EU-Daten)
  • Geopolitische Spannungen

Wirtschaftliche Treiber:

  • Steigende Cloud-Kosten
  • Vendor Lock-in wird teuer
  • Kunden fragen nach Datenstandorten
  • Ausschreibungen fordern EU-Hosting

Die Dimensionen digitaler Souveränität

Dimension 1: Cloud-Infrastruktur

Aktuelle Realität:

  • ~70% des EU-Cloud-Marktes bei US-Hyperscalern
  • AWS, Azure, Google dominieren
  • Kaum europäische Alternativen für Enterprise-Scale

Optionen für Unternehmen:

OptionVorteileNachteile
US Hyperscaler (Standard)Features, Skalierbarkeit, ÖkosystemCLOUD Act, Abhängigkeit
US Hyperscaler (EU-Region)Features + EU-StandortRechtsunsicherheit bleibt
Europäische Cloud (OVH, Hetzner, IONOS)EU-Recht, UnabhängigkeitWeniger Features, kleineres Ökosystem
Sovereign Cloud (MS Azure, Oracle)US-Features + EU-KontrollePremium-Preise
On-PremiseVolle KontrolleSkalierbarkeit, Aufwand
HybridFlexibilitätKomplexität

Empfehlung nach Use Case:

Use CaseEmpfehlung
Entwicklung/TestUS Hyperscaler (kostengünstig)
Produktiv, nicht-sensibelUS Hyperscaler EU-Region
Sensible DatenEuropäische Cloud oder Sovereign Cloud
Hochsensible/regulierte DatenOn-Premise oder Deutsche Sovereign Cloud

Dimension 2: Software & SaaS

Das Problem:

  • Microsoft 365, Google Workspace, Salesforce – alle US-basiert
  • Alternativen existieren, aber oft weniger komfortabel
  • Wechselkosten sind hoch

Alternativen-Landschaft:

US-LösungEuropäische AlternativeReifegrad
Microsoft 365Nextcloud, Open-XchangeMittel
Google WorkspaceNextcloud, TutanotaMittel
SalesforceSAP CRM, OdooGut (Odoo), Komplex (SAP)
SlackMattermost, ElementGut
ZoomBigBlueButton, JitsiMittel
AWSOVH, Hetzner, IONOSGut (Basis), weniger (Enterprise)

Pragmatischer Ansatz:

  1. Kritische Daten identifizieren
  2. Für kritische Bereiche: EU-Lösungen evaluieren
  3. Für weniger kritische: US-Lösungen mit Zusatzmaßnahmen
  4. Exit-Strategien dokumentieren

Dimension 3: KI & Daten

Besondere Herausforderung:

  • ChatGPT, Claude, Gemini – alle US-basiert
  • Trainingsdaten-Frage: Fließen meine Daten ins Training?
  • Inferenz in US-Rechenzentren
  • Keine vollständig souveränen Enterprise-LLMs

Optionen:

AnsatzBeschreibungSouveränität
OpenAI/Anthropic EnterpriseOpt-out für Training, US-HostingGering
Azure OpenAI (EU)EU-Hosting, MS-KontrolleMittel
Open Source (Llama, Mistral)Eigenes Hosting möglichHoch
Europäische LLMs (Aleph Alpha)Vollständig EUSehr hoch
On-Premise LLMsEigene InfrastrukturMaximal

Empfehlung:

  1. Für allgemeine Nutzung: Enterprise-Versionen mit Opt-out
  2. Für sensible Daten: EU-gehostete Lösungen
  3. Für kritische Anwendungen: Open Source oder On-Premise

Dimension 4: Netzwerk & Connectivity

Oft übersehen:

  • Internet-Routing häufig über US
  • DNS überwiegend US-kontrolliert
  • CDNs (Cloudflare, Akamai) US-basiert

Maßnahmen:

  1. EU-CDNs evaluieren (Bunny.net)
  2. DNS-Redundanz mit EU-Anbietern
  3. Direkte Peerings wo möglich
  4. Routing-Policies prüfen

GAIA-X: Der europäische Ansatz

Was ist GAIA-X?

GAIA-X ist eine Initiative für ein föderiertes, souveränes Datenökosystem:

  • Gemeinsame Standards und Regeln
  • Interoperabilität zwischen Anbietern
  • Transparenz über Datenverarbeitung
  • Europäische Werte

Aktueller Stand

Positiv:

  • Framework für Datensouveränität
  • Wachsendes Ökosystem
  • Branchenspezifische Datenräume (Catena-X für Automotive)

Herausforderung:

  • Komplexe Governance
  • Langsame Umsetzung
  • Noch wenig konkrete Produkte für KMUs

Relevanz für Unternehmen

Jetzt relevant:

  • Automotive (Catena-X)
  • Gesundheitswesen
  • Öffentlicher Sektor

Zukünftig relevant:

  • Alle Branchen mit Datenaustausch-Bedarf
  • Unternehmen mit öffentlichen Aufträgen
  • Regulierte Branchen

Praktische Umsetzung: Die Souveränitäts-Roadmap

Phase 1: Assessment (Monat 1)

Daten-Inventar erstellen:

DatenartSensibilitätAktueller StandortKritikalität
KundendatenHochAWS EUKritisch
E-MailsMittelMicrosoft 365Hoch
EntwicklungNiedrigGitHubMittel
HR-DatenHochPersonio (EU)Hoch

Abhängigkeiten dokumentieren:

  • Welche Anbieter sind nicht ersetzbar?
  • Was passiert bei Anbieter-Ausfall?
  • Wie teuer wäre ein Wechsel?

Phase 2: Strategie (Monat 2)

Klassifizierung:

StufeAnforderungMaßnahmen
GrünUnkritischStatus quo akzeptabel
GelbWichtigEU-Hosting, DPA
OrangeSensibelEU-Anbieter priorisieren
RotKritischMaximale Souveränität

Roadmap erstellen:

  1. Quick Wins identifizieren
  2. Mittel- bis langfristige Maßnahmen planen
  3. Budget allokieren
  4. Verantwortlichkeiten klären

Phase 3: Quick Wins (Monat 3-4)

Sofort umsetzbar:

  1. Training-Opt-outs aktivieren (ChatGPT Enterprise, etc.)
  2. DPAs prüfen und nachverhandeln
  3. Backup-Strategie für kritische SaaS
  4. Datenstandort-Dokumentation für Kunden/Audits
  5. Passwort-Manager auf EU-Lösung (Bitwarden EU)

Phase 4: Strukturelle Änderungen (Monat 5-12)

Mittelfristige Maßnahmen:

  1. E-Mail-Migration (wenn gewünscht)

    • Exchange Online → Mailbox.org oder Proton Business
  2. Cloud-Diversifikation

    • Kritische Workloads auf EU-Anbieter
    • Multi-Cloud-Architektur
  3. KI-Strategie anpassen

    • EU-LLMs für sensible Anwendungen
    • Open Source für On-Premise-Bedarf
  4. Exit-Strategien dokumentieren

    • Für jeden kritischen Anbieter
    • Inkl. Datenexport-Prozesse

Kosten-Nutzen-Betrachtung

Typische Mehrkosten

MaßnahmeMehrkosten (Schätzung)
EU-Cloud statt US-Hyperscaler+10-30%
Sovereign Cloud+20-50%
EU-SaaS-Alternativen+0-30% (oft günstiger)
On-Premise LLM+50-100% Initial, -50% laufend
Migration/TransitionProjektabhängig

Nutzen quantifizieren

Direkte Vorteile:

  • Compliance mit EU-Regulierung (Vermeidung Bußgelder)
  • Reduziertes Vendor-Lock-in-Risiko
  • Verhandlungsmacht bei Verträgen

Indirekte Vorteile:

  • Kundenpräferenz für EU-Anbieter
  • Öffentliche Aufträge (oft EU-Hosting gefordert)
  • Reputationsschutz
  • Geringere geopolitische Risiken

Branchenspezifische Anforderungen

Finanzdienstleistungen

  • BaFin-Anforderungen an Auslagerung
  • DORA (Digital Operational Resilience Act)
  • Oft: On-Premise oder dedizierte Infrastruktur

Gesundheitswesen

  • Besondere Schutzwürdigkeit (Art. 9 DSGVO)
  • Gematik-Anforderungen
  • Tendenz zu deutschen Anbietern

Öffentlicher Sektor

  • Vergaberecht bevorzugt EU-Anbieter
  • BSI-Anforderungen
  • Zunehmend: Open Source Präferenz

Industrie/Manufacturing

  • Catena-X für Automotive
  • Betriebsgeheimnisse schützen
  • OT/IT-Konvergenz beachten

Checkliste: Digitale Souveränität

Sofort

  • Daten-Inventar erstellen
  • Anbieter-Standorte dokumentieren
  • Training-Opt-outs aktivieren
  • DPAs prüfen

Kurzfristig (3 Monate)

  • Kritische Daten klassifizieren
  • Exit-Strategien dokumentieren
  • EU-Alternativen evaluieren
  • Roadmap erstellen

Mittelfristig (12 Monate)

  • Quick Wins umsetzen
  • Piloten mit EU-Anbietern
  • Multi-Cloud-Strategie entwickeln
  • KI-Governance implementieren

Langfristig

  • Strukturelle Migration wo sinnvoll
  • Regelmäßige Reviews
  • Regulierungs-Monitoring
  • Best Practices teilen

Fazit

Digitale Souveränität ist kein Alles-oder-Nichts. Es ist ein Spektrum, auf dem sich jedes Unternehmen positionieren muss.

Die drei wichtigsten Schritte:

  1. Wissen, was du hast – Daten, Abhängigkeiten, Risiken
  2. Priorisieren – Nicht alles ist gleich kritisch
  3. Pragmatisch handeln – Quick Wins zuerst, strategische Maßnahmen planen

Die EU-Regulierung wird weiter zunehmen. Wer heute startet, hat Vorsprung.


Du brauchst Unterstützung bei der Cloud- und Souveränitätsstrategie? Wir helfen mit Assessment, Roadmap und Umsetzung. Kontakt aufnehmen

#Digitale Souveränität#Cloud Souveränität#EU Digital#Datenhoheit#GAIA-X

Hast du ein ähnliches Projekt?

Lass uns darüber reden, wie ich dir helfen kann.

Kontakt aufnehmen