Zurück zum Blog
Digitalisierung

Make vs. Buy: Eigenentwicklung oder Standardsoftware?

28. Dezember 2025
11 min Lesezeit
Jonas Höttler

Make vs. Buy: Die teuerste Entscheidung, die niemand analysiert

"Wir brauchen eine individuelle Lösung" – dieser Satz hat schon viele Unternehmen Hunderttausende gekostet. Genauso wie: "Standardsoftware reicht völlig aus" – wenn sie es dann doch nicht tat.

Die Make-vs-Buy-Entscheidung gehört zu den folgenreichsten IT-Entscheidungen. Und zu den am schlechtesten analysierten.

Warum diese Entscheidung so oft schiefgeht

Die "Eigenentwicklung"-Falle

  • Initiale Unterschätzung: "Das ist doch nur ein CRUD-System"
  • Scope Creep: Jede Woche neue Anforderungen
  • Wartungskosten ignoriert: Nach 3 Jahren kostet die Wartung mehr als der Neubau
  • Abhängigkeit: Der eine Entwickler, der es versteht, kündigt

Die "Standardsoftware"-Falle

  • Anpassungskosten: "Out of the box" heißt selten ohne Customizing
  • Prozessanpassung: Am Ende passen Sie sich der Software an
  • Vendor Lock-in: Wechsel wird mit jedem Jahr teurer
  • Lizenzkosten-Explosion: Was günstig begann, wird teuer skaliert

Der Total Cost of Ownership (TCO) Vergleich

Die ehrliche Rechnung über 5 Jahre:

Eigenentwicklung TCO

Jahr 1: Entwicklung
├─ Anforderungsanalyse: 20.000€
├─ Design & Architektur: 15.000€
├─ Entwicklung: 80.000€
├─ Testing: 20.000€
├─ Deployment: 10.000€
└─ Summe Jahr 1: 145.000€

Jahr 2-5: Wartung & Weiterentwicklung
├─ Bugfixes (20% p.a.): 16.000€/Jahr
├─ Sicherheitsupdates: 8.000€/Jahr
├─ Feature-Erweiterungen: 25.000€/Jahr
├─ Infrastruktur: 6.000€/Jahr
└─ Summe pro Jahr: 55.000€

5-Jahres-TCO: 145.000€ + 4 × 55.000€ = 365.000€

Standardsoftware TCO

Jahr 1: Implementierung
├─ Lizenzkosten: 24.000€
├─ Implementierung/Customizing: 40.000€
├─ Datenmigration: 15.000€
├─ Schulung: 10.000€
└─ Summe Jahr 1: 89.000€

Jahr 2-5: Laufende Kosten
├─ Lizenzkosten: 24.000€/Jahr
├─ Support-Vertrag: 8.000€/Jahr
├─ Updates/Upgrades: 5.000€/Jahr
├─ Anpassungen: 10.000€/Jahr
└─ Summe pro Jahr: 47.000€

5-Jahres-TCO: 89.000€ + 4 × 47.000€ = 277.000€

Aber: Diese Zahlen sind Durchschnittswerte. Ihre Situation kann völlig anders aussehen.

Berechnen Sie Ihren TCO: Unser Make-vs-Buy Entscheidungstool berechnet die Kosten für Ihre spezifische Situation.

Die 7 Entscheidungskriterien

1. Strategische Differenzierung

Frage: Ist die Software ein Wettbewerbsvorteil?

SituationEmpfehlung
Software ist KernproduktMake
Software differenziert vom WettbewerbMake
Software ist CommodityBuy
Software ist Support-FunktionBuy

Beispiele:

  • Online-Shop für einen Händler → Buy
  • Algorithmus für ein Fintech → Make
  • CRM für einen Dienstleister → Buy
  • Konfigurationstool für einen Maschinenbauer → Prüfen

2. Passgenauigkeit verfügbarer Lösungen

Frage: Wie gut passt Standardsoftware zu Ihren Anforderungen?

FitEmpfehlung
> 80% AbdeckungBuy
60-80% AbdeckungBuy + Customizing
40-60% AbdeckungGenau prüfen
< 40% AbdeckungMake

Warnung: "Wir sind anders" ist der häufigste Irrtum. Prüfen Sie kritisch, ob Ihre Anforderungen wirklich so einzigartig sind.

3. Time-to-Market

Frage: Wie schnell muss die Lösung verfügbar sein?

ZeitrahmenTendenz
< 3 MonateBuy
3-6 MonateBuy oder Low-Code
6-12 MonateMake möglich
> 12 MonateMake

Eigenentwicklung dauert fast immer länger als geplant. Faktor 1,5-2x ist realistisch.

4. Änderungsfrequenz

Frage: Wie oft ändern sich die Anforderungen?

Hohe Änderungsfrequenz → Make

  • Eigene Entwicklung ermöglicht schnelle Anpassungen
  • Keine Abhängigkeit von Vendor-Roadmaps
  • Kosten pro Änderung oft geringer

Niedrige Änderungsfrequenz → Buy

  • Stabile Anforderungen = Standard reicht
  • Updates kommen vom Anbieter
  • Weniger eigener Aufwand

5. Verfügbare Ressourcen

Frage: Haben Sie die Kapazitäten für Eigenentwicklung?

RessourceFür Make benötigt
EntwicklerSenior-Level, langfristig
Product OwnerVollzeit für Anforderungen
DevOpsFür Betrieb und Deployment
BudgetFür unvorhergesehene Aufwände

Realität: Die meisten Mittelständler haben diese Ressourcen nicht intern. Externe Entwicklung ist möglich, aber teurer und risikoreicher.

6. Integrationskomplexität

Frage: Wie muss die Software mit bestehenden Systemen kommunizieren?

Viele Integrationen → Tendenz Make

  • Volle Kontrolle über Schnittstellen
  • Keine Einschränkungen durch Standard-APIs
  • Aber: Jede Integration muss selbst gebaut werden

Wenige/Standard-Integrationen → Tendenz Buy

  • Standardsoftware hat oft fertige Konnektoren
  • Etablierte Schnittstellen zu gängigen Systemen
  • Schnellere Implementierung

7. Regulatorische Anforderungen

Frage: Gibt es spezielle Compliance-Anforderungen?

AnforderungAuswirkung
Zertifizierungen (ISO, SOC2)Buy oft einfacher
Branchenspezifische StandardsSpezialsoftware prüfen
Datenhaltung on-premiseEinschränkt Buy-Optionen
AuditierbarkeitBeide möglich

Die Entscheidungsmatrix

Bewerten Sie jedes Kriterium von 1-5:

KriteriumMake (5)Neutral (3)Buy (1)
Strategische DifferenzierungKernkompetenzWichtigCommodity
Passgenauigkeit Standard< 50%60-80%> 80%
Time-to-Market> 12 Monate6-12 Monate< 6 Monate
ÄnderungsfrequenzWöchentlichMonatlichJährlich
Interne RessourcenVorhandenTeilweiseKeine
IntegrationskomplexitätHochMittelGering
RegulatorikSpeziellNormalStandard

Auswertung:

  • Score > 28: Tendenz Make
  • Score 18-28: Detaillierte Analyse nötig
  • Score < 18: Tendenz Buy

Die Hybrid-Option: Best of Both Worlds

Oft ist die Antwort nicht Make ODER Buy, sondern Make UND Buy:

Composable Architecture

  • Standardsoftware für Basisfunktionen
  • Eigenentwicklung für Differenzierung
  • APIs verbinden die Komponenten

Low-Code als Mittelweg

  • Schneller als klassische Entwicklung
  • Flexibler als Standardsoftware
  • Aber: Eigene Limitierungen

Build-on-Top

  • SaaS als Plattform nutzen
  • Eigene Logik per API/Extensions
  • Beispiel: Shopify + Custom Apps

Häufige Fehler vermeiden

Fehler 1: Nur Initialkosten vergleichen

Eigenentwicklung wirkt initial günstiger, aber Wartung kostet.

Fehler 2: Opportunity Costs ignorieren

Was könnten Ihre Entwickler stattdessen bauen?

Fehler 3: Vendor-Präsentation glauben

"Out of the box" heißt selten "ohne Aufwand".

Fehler 4: Exit-Kosten vergessen

Wie teuer ist der Wechsel in 5 Jahren?

Fehler 5: Nicht prototypen

Vor großen Investitionen: POC machen!

Ihre nächsten Schritte

  1. Make-vs-Buy Tool nutzen – Berechnen Sie TCO und Risiken
  2. Anforderungen priorisieren – Was ist wirklich differenzierend?
  3. Markt sondieren – Welche Standardlösungen existieren?
  4. POC planen – Testen Sie 2-3 Optionen

Prozesskosten verstehen: Bevor Sie eine Lösung wählen, verstehen Sie mit unserem Prozesskosten-Analyzer die wahren Kosten Ihrer aktuellen Situation.

Fazit: Analyse schlägt Bauchgefühl

Die Make-vs-Buy-Entscheidung ist zu wichtig für Bauchgefühl. Mit einer strukturierten Analyse der sieben Kriterien und einer ehrlichen TCO-Rechnung treffen Sie fundierte Entscheidungen.

Und manchmal ist die beste Entscheidung: Noch nicht entscheiden. Sondern erst den Prozess verstehen, dann die Anforderungen klären, und dann die Optionen bewerten.


Sie stehen vor einer komplexen Make-vs-Buy-Entscheidung? Unser AI Adoption Audit hilft Ihnen, die strategischen Implikationen zu verstehen und die richtige Wahl zu treffen.

#Make vs Buy#Softwareentwicklung#TCO#Digitalisierung KMU#IT-Strategie

Hast du ein ähnliches Projekt?

Lass uns darüber reden, wie ich dir helfen kann.

Kontakt aufnehmen