Build vs. Buy: Das Entscheidungs-Framework für Tech-Teams
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Strategie & Business

Build vs. Buy: Das Entscheidungs-Framework für Tech-Teams

21. Januar 2026
13 min Lesezeit
Jonas Höttler

Build vs. Buy: Wann selbst bauen, wann kaufen?

Eine der häufigsten Fragen in Tech-Teams: "Sollen wir das selbst bauen oder eine fertige Lösung kaufen?" Die Antwort ist selten einfach – aber mit dem richtigen Framework wird sie systematisch.

Die wahren Kosten verstehen

Versteckte Build-Kosten

Was viele vergessen, wenn sie "Build" evaluieren:

KostenfaktorTypische Unterschätzung
Initiale Entwicklung2-3× der ersten Schätzung
Wartung15-20% der Entwicklungskosten/Jahr
InfrastrukturSkalierung, Monitoring, Security
Opportunity CostWas könnte das Team sonst bauen?
OnboardingJeder neue Dev muss eingearbeitet werden
DokumentationOft vergessen, immer nötig

Versteckte Buy-Kosten

Was viele vergessen, wenn sie "Buy" evaluieren:

KostenfaktorTypische Unterschätzung
Integration2-6 Wochen pro System
CustomizationOft teurer als erwartet
Migration (später)Lock-in kann teuer werden
TrainingTeam muss neues Tool lernen
Vendor RiskWas wenn der Anbieter aufhört?
KompromisseNicht alles passt zu 100%

Das Build-vs-Buy Entscheidungsframework

Schritt 1: Kernkompetenz identifizieren

Build-vs-Buy-Entscheidungen spiegeln oft die Organisationsstruktur wider (Conway's Law).

Frage: Ist diese Funktionalität zentral für unser Geschäftsmodell?

KernkompetenzEmpfehlung
Ja, differenziert uns vom WettbewerbTendenz: Build
Nein, Standard-FunktionalitätTendenz: Buy

Beispiele:

FeatureFür E-CommerceFür Medienunternehmen
Payment ProcessingBuyBuy
Content ManagementBuyBuild (evtl.)
Recommendation EngineBuild (evtl.)Build
User AuthenticationBuyBuy

Schritt 2: Verfügbarkeit prüfen

Frage: Gibt es eine Lösung, die 80%+ unserer Anforderungen erfüllt?

Wenn ja:

  • Integration evaluieren
  • Customization-Möglichkeiten prüfen
  • Total Cost of Ownership berechnen

Wenn nein:

  • Gibt es Open-Source-Alternativen?
  • Können wir auf bestehenden Lösungen aufbauen?
  • Ist wirklich alles so speziell?

Schritt 3: Kosten berechnen

Build-Kosten Kalkulation

Entwicklungskosten (einmalig):
  Entwickler × Stundensatz × geschätzte Stunden × 2,5 (Unsicherheitsfaktor)

Wartungskosten (jährlich):
  Entwicklungskosten × 0,2

Infrastrukturkosten (jährlich):
  Server + Tools + Monitoring

5-Jahres-TCO:
  Entwicklung + (5 × Wartung) + (5 × Infrastruktur)

Beispielrechnung Build:

  • Entwicklung: 2 Devs × €100/h × 400h × 2,5 = €200.000
  • Wartung/Jahr: €40.000
  • Infrastruktur/Jahr: €12.000
  • 5-Jahres-TCO: €460.000

Buy-Kosten Kalkulation

Lizenzkosten (jährlich):
  Preis pro User × Anzahl User

Integrationskosten (einmalig):
  Entwickler × Stundensatz × geschätzte Stunden

Customization (einmalig + laufend):
  Je nach Anforderung

5-Jahres-TCO:
  Integration + Customization + (5 × Lizenz)

Beispielrechnung Buy:

  • Lizenz: €500/Monat × 12 = €6.000/Jahr
  • Integration: 1 Dev × €100/h × 80h = €8.000
  • Customization: €15.000
  • 5-Jahres-TCO: €53.000

Schritt 4: Risiken bewerten

Build-Risiken

RisikoWahrscheinlichkeitImpactMitigation
Scope CreepHochMittelKlare Specs
Key Person RiskMittelHochDokumentation
Tech DebtHochMittelReviews
ZeitverzugHochMittelBuffer einplanen

Buy-Risiken

RisikoWahrscheinlichkeitImpactMitigation
Vendor Lock-inMittelHochExit-Strategie
PreiserhöhungMittelMittelVertragsverhandlung
Feature GapMittelMittelEvaluation
Vendor ExitNiedrigHochAlternativen kennen

Schritt 5: Entscheidungsmatrix

KriteriumGewichtungBuild (1-5)Buy (1-5)
Kernkompetenz25%
Kosten (5J-TCO)20%
Time-to-Market15%
Flexibilität15%
Risiko15%
Team-Kompetenz10%

Berechnung: Score = Σ (Gewichtung × Bewertung)

Wann Build die richtige Wahl ist

Klare Build-Indikatoren

1. Wettbewerbsvorteil

  • Feature differenziert euch vom Markt
  • Konkurrenten können nicht einfach kopieren
  • Direkter Einfluss auf Umsatz

2. Spezifische Anforderungen

  • Keine Lösung erfüllt >70% der Anforderungen
  • Integration würde teurer als Build
  • Langfristig viele Anpassungen nötig

3. Kontrolle kritisch

  • Datensensibilität (Gesundheit, Finanzen)
  • Regulatorische Anforderungen
  • Performance-Kritisch

4. Ressourcen vorhanden

  • Team hat Kapazität und Kompetenz
  • Langfristige Wartung gesichert
  • Budget für Unsicherheiten

Wann Buy die richtige Wahl ist

Verwandt: Für Enterprise-Software siehe auch unseren Make vs. Buy Software Guide.

Klare Buy-Indikatoren

1. Commodity-Funktionalität

  • Standard-Problem, hundertfach gelöst
  • Kein Wettbewerbsvorteil durch Eigenentwicklung
  • Best Practices bereits etabliert

2. Schneller Time-to-Market

  • Feature gestern gebraucht
  • Lernen durch Machen wichtiger als Perfektion
  • Validierung vor Investition

3. Ressourcen begrenzt

  • Kleines Team, viele Prioritäten
  • Keine Wartungs-Kapazität
  • Fokus auf Kernprodukt

4. Expertise fehlt

  • Spezielles Domänenwissen nötig
  • Aufbau teurer als Einkauf
  • Kein strategischer Skill

Hybrid-Strategien

Build on Buy

Bestehende Lösung als Basis, eigene Erweiterungen darauf:

[Gekaufte Basis] → [Eigene API-Layer] → [Eigene Features]

Beispiel:

  • Shopify als E-Commerce-Basis
  • Eigene Fulfillment-Integration
  • Eigene Recommendation Engine

Buy and Extend

Fertige Lösung mit Custom Integration:

[SaaS Tool] → [Custom Webhooks] → [Eigene Automation]

Beispiel:

  • HubSpot CRM
  • Custom Scoring-Algorithmus
  • Automatische Lead-Routing

Build to Replace

Mit Buy starten, später Build:

Phase 1: [Gekaufte Lösung] → Validierung
Phase 2: [Eigenentwicklung] → Nach Validierung

Beispiel:

  • Jahr 1: Notion für Knowledge Base
  • Jahr 2+: Custom Wiki (wenn Anforderungen klar)

Fallstudien

Case 1: CRM-System

Situation:

  • 50-köpfiges Sales-Team
  • Komplexer B2B-Sales-Cycle
  • Integration mit ERP nötig

Build-Kalkulation:

  • Entwicklung: €400.000
  • 5J-Wartung: €200.000
  • Total: €600.000

Buy-Kalkulation (Salesforce):

  • Lizenz: €180.000/Jahr × 5 = €900.000
  • Integration: €50.000
  • Total: €950.000

Buy-Kalkulation (HubSpot):

  • Lizenz: €60.000/Jahr × 5 = €300.000
  • Integration: €30.000
  • Total: €330.000

Entscheidung: Buy (HubSpot) Begründung: CRM ist keine Kernkompetenz, HubSpot deckt 85% ab, schneller Start.

Case 2: Recommendation Engine

Situation:

  • E-Commerce mit 100.000 Produkten
  • Personalisierung als Differenzierung
  • Eigene Kundendaten vorhanden

Build-Kalkulation:

  • Entwicklung: €150.000
  • ML-Infrastruktur: €24.000/Jahr
  • 5J Total: €270.000

Buy-Kalkulation:

  • SaaS-Lösung: €48.000/Jahr × 5 = €240.000
  • Integration: €40.000
  • Keine Daten-Hoheit
  • Total: €280.000 + strategischer Nachteil

Entscheidung: Build Begründung: Wettbewerbsvorteil, Daten-Kontrolle, langfristig günstiger.

Case 3: Auth-System

Situation:

  • B2B SaaS Produkt
  • SSO-Anforderungen
  • SOC2-Compliance nötig

Build-Kalkulation:

  • Entwicklung: €100.000
  • Security-Audits: €30.000/Jahr
  • Wartung: €20.000/Jahr
  • 5J Total: €350.000

Buy-Kalkulation (Auth0):

  • Lizenz: €36.000/Jahr × 5 = €180.000
  • Integration: €15.000
  • SOC2-konform out-of-the-box
  • Total: €195.000

Entscheidung: Buy (Auth0) Begründung: Security ist zu kritisch für DIY, Compliance bereits vorhanden.

Checkliste vor der Entscheidung

Build-Checkliste

  • Haben wir die Kompetenz im Team?
  • Ist langfristige Wartung gesichert?
  • Ist es wirklich differenzierend?
  • Haben wir genug Buffer (Zeit + Budget)?
  • Sind die Anforderungen klar genug?
  • Gibt es wirklich keine Alternative?

Buy-Checkliste

  • Erfüllt es 80%+ der Anforderungen?
  • Wie ist der Vendor-Track-Record?
  • Gibt es eine Exit-Strategie?
  • Ist die Preisgestaltung nachhaltig?
  • Wie gut ist die Integration?
  • Was sagen andere Kunden?

Fazit

Build vs. Buy ist keine emotionale Entscheidung ("Wir können das besser!") und keine dogmatische ("Never build what you can buy"). Es ist eine Business-Entscheidung, die auf:

  1. Strategischer Relevanz – Kernkompetenz oder Commodity?
  2. Total Cost of Ownership – Alle Kosten über 5 Jahre
  3. Risikobewertung – Was kann schiefgehen?
  4. Ressourcen-Realität – Was können wir wirklich?

Die beste Entscheidung ist oft nicht "Build" oder "Buy", sondern eine intelligente Kombination beider Ansätze.


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