Conway's Law: Warum deine Architektur dein Organigramm spiegelt
Zurück zum Blog
Strategie & Business

Conway's Law: Warum deine Architektur dein Organigramm spiegelt

21. Januar 2026
12 min Lesezeit
Jonas Höttler

Conway's Law: Die unsichtbare Kraft, die deine Architektur formt

1967 machte der Informatiker Melvin Conway eine Beobachtung, die bis heute gilt:

„Organisationen, die Systeme entwerfen, sind gezwungen, Entwürfe zu produzieren, die Kopien der Kommunikationsstrukturen dieser Organisationen sind."

Einfacher: Deine Software sieht aus wie dein Organigramm.

Was Conway's Law bedeutet

Das Grundprinzip

ORGANISATION:

Team A ←→ Team B ←→ Team C
   ↓          ↓          ↓

SYSTEM:

Modul A ←→ Modul B ←→ Modul C

Die Teams kommunizieren → Die Module kommunizieren
Die Teams sind isoliert → Die Module sind isoliert

Warum es funktioniert

KOMMUNIKATION KOSTET:

Innerhalb eines Teams:
- Kurze Wege
- Gemeinsamer Kontext
- Schnelle Abstimmung
→ Enge Kopplung ist einfach

Zwischen Teams:
- Lange Wege
- Unterschiedlicher Kontext
- Aufwändige Abstimmung
→ Lose Kopplung ist einfacher

→ MENSCHEN NEHMEN DEN WEG DES
  GERINGSTEN WIDERSTANDS

→ ARCHITEKTUR FOLGT KOMMUNIKATION

Conway's Law in der Praxis

Beispiel 1: Der Monolith

ORGANISATION:
Ein großes Team, alle arbeiten zusammen.

        ┌─────────────────────┐
        │    Entwicklerteam   │
        │  (15 Entwickler)    │
        └─────────────────────┘

RESULTAT:
Ein großer Monolith, alles verbunden.

        ┌─────────────────────┐
        │      MONOLITH       │
        │  Alles in einer     │
        │    Codebase         │
        └─────────────────────┘

WARUM:
- Jeder kann überall zugreifen
- Keine Grenzen = keine Grenzen im Code
- Schnelle Abstimmung = keine APIs nötig

Beispiel 2: Microservices

ORGANISATION:
Kleine, autonome Teams.

  ┌───────┐   ┌───────┐   ┌───────┐
  │Team A │   │Team B │   │Team C │
  └───────┘   └───────┘   └───────┘

RESULTAT:
Microservices mit klaren Grenzen.

  ┌───────┐   ┌───────┐   ┌───────┐
  │Svc A  │←→│Svc B  │←→│Svc C  │
  └───────┘   └───────┘   └───────┘

WARUM:
- Jedes Team ownt seinen Service
- Kommunikation über APIs (wie Teams über Meetings)
- Klare Grenzen = klare Interfaces

Beispiel 3: Frontend/Backend Split

ORGANISATION:
Frontend-Team und Backend-Team.

  ┌──────────┐        ┌──────────┐
  │ Frontend │        │ Backend  │
  │   Team   │───────│   Team   │
  └──────────┘        └──────────┘

RESULTAT:
Klare Frontend/Backend-Trennung.

  ┌──────────┐  API   ┌──────────┐
  │ Frontend │───────│ Backend  │
  └──────────┘        └──────────┘

PROBLEM:
- Features brauchen beide Teams
- Koordination aufwändig
- Jedes Feature = Cross-Team-Projekt

Die Probleme

Unbeabsichtigte Architektur

TYPISCHER ABLAUF:

1. Firma wächst → Teams werden aufgeteilt
2. Aufteilung oft nach: Skills, Standort, Historie
3. Nicht nach: Optimaler Architektur
4. Architektur folgt der (suboptimalen) Struktur
5. Jahre später: „Warum ist unser System so?"

Silos werden zu APIs

WENN TEAMS NICHT KOMMUNIZIEREN:
→ Ihre Services kommunizieren auch nicht gut
→ Schlechte oder keine APIs
→ Duplizierung statt Wiederverwendung
→ Inkonsistente Datenmodelle

Reorgs ändern nichts

TYPISCHER FEHLER:

„Wir machen jetzt Microservices!"
(Aber Teams bleiben gleich)

RESULTAT:
- „Microservices" die wie ein verteilter Monolith sind
- Oder: Endlose Koordination zwischen Teams
- Architektur passt nicht zur Organisation

DIE ARCHITEKTUR ZU ÄNDERN OHNE DIE
ORGANISATION ZU ÄNDERN FUNKTIONIERT NICHT.

Das Inverse Conway Maneuver

Wenn Conway's Law stimmt, können wir es umdrehen:

Designe deine Organisation so, dass die gewünschte Architektur entsteht.

Der Ansatz

TRADITIONELL:
Organisation → (Conway's Law) → Architektur (zufällig)

INVERSE CONWAY:
Gewünschte Architektur → Organisation designen → Architektur (intentional)

Beispiel

ZIEL-ARCHITEKTUR:
Drei unabhängige Domänen (Checkout, Inventory, User).

TEAMS DESIGNEN:

  ┌──────────────┐
  │ Checkout Team│ → Ownt Checkout-Service
  └──────────────┘

  ┌──────────────┐
  │Inventory Team│ → Ownt Inventory-Service
  └──────────────┘

  ┌──────────────┐
  │  User Team   │ → Ownt User-Service
  └──────────────┘

RESULTAT:
Die Teamstruktur erzwingt die gewünschte Architektur.

Team Topologies

Das Buch „Team Topologies" (Matthew Skelton & Manuel Pais) baut auf Conway's Law auf und definiert vier Team-Typen:

1. Stream-Aligned Team

FOKUS:
Ein Stück End-to-End-Wertschöpfung.
Z.B. ein Feature, ein Produkt, eine Customer Journey.

BEISPIEL:
„Checkout Team" – alles was mit Checkout zu tun hat.

EIGENSCHAFTEN:
- Cross-funktional (FE, BE, Ops)
- Langlebig
- Aligned mit Business-Strom

2. Enabling Team

FOKUS:
Andere Teams befähigen.
Expertise teilen, nicht selbst bauen.

BEISPIEL:
„DevOps Enablement Team" – hilft Teams, selbst zu deployen.

EIGENSCHAFTEN:
- Temporärer Einsatz bei Teams
- Wissenstransfer, nicht Ownership
- Arbeitet sich selbst überflüssig

3. Complicated Subsystem Team

FOKUS:
Komplex spezialisierte Komponente.
Zu schwer für Stream-Aligned Teams.

BEISPIEL:
„ML Team" – komplexe Modelle, die andere nutzen.

EIGENSCHAFTEN:
- Tiefe Expertise
- Stellt APIs/Services bereit
- Reduziert Cognitive Load anderer Teams

4. Platform Team

FOKUS:
Interne Plattform für andere Teams.
Self-Service-Infrastruktur.

BEISPIEL:
„Internal Developer Platform Team" –
Deployment, Monitoring, Infrastruktur.

EIGENSCHAFTEN:
- Behandelt interne Teams als Kunden
- APIs und Self-Service
- Reduziert Cognitive Load

Die Interaktionsmodi

1. COLLABORATION
   - Teams arbeiten eng zusammen
   - Für: Discovery, neue Lösungen
   - Temporär, nicht permanent

2. X-AS-A-SERVICE
   - Team bietet Service an
   - Andere konsumieren via API
   - Klare Boundaries

3. FACILITATING
   - Enabling Team hilft anderem Team
   - Coaching, nicht Übernehmen
   - Ziel: Unabhängigkeit

Conway's Law für Architektur-Entscheidungen

Vor einer Architektur-Entscheidung fragen

FRAGEN:

1. Welche Teamstruktur haben wir?
2. Welche Architektur begünstigt diese Struktur?
3. Ist das die Architektur, die wir wollen?
4. Wenn nein: Können wir die Teams ändern?
5. Wenn nein: Müssen wir mit der emergenten
   Architektur leben?

Wann Microservices (nicht) funktionieren

MICROSERVICES FUNKTIONIEREN WENN:
- Teams klein und autonom sind
- Klare Domänen-Grenzen existieren
- Teams können End-to-End liefern
- Wenig Cross-Team-Abhängigkeiten

MICROSERVICES FUNKTIONIEREN NICHT WENN:
- Ein großes Team alles macht
- Ständige Cross-Team-Koordination nötig
- Domänen-Grenzen unklar
- Shared Ownership überall

Wann Monolith Sinn macht

MONOLITH PASST WENN:
- Ein kleines Team (< 10)
- Enge Zusammenarbeit
- Schnelle Iteration wichtiger als Isolation
- Domäne noch unklar

NICHT: Monolith ist „legacy"
SONDERN: Monolith passt zu manchen Organisationen

Praktische Anwendung

Architektur-Review mit Conway's Law

ÜBUNG:

1. Zeichne dein aktuelles System
   (Komponenten und ihre Verbindungen)

2. Zeichne dein Organigramm
   (Teams und ihre Kommunikation)

3. Vergleiche:
   - Wo spiegeln sich die Strukturen?
   - Wo gibt es Mismatches?
   - Was erklärt das über Probleme?

4. Frage:
   - Ist das die Architektur, die wir wollen?
   - Welche Team-Änderung würde helfen?

Bei Reorgs

VOR EINER REORG:

1. Welche Architektur wollen wir?
2. Welche Team-Struktur unterstützt das?
3. Reorg dementsprechend designen

NICHT:
Reorg nach anderen Kriterien
→ Und hoffen, dass Architektur passt

Bei neuen Teams

WENN EIN NEUES TEAM ENTSTEHT:

1. Was wird dieses Team ownen?
2. Welche System-Boundaries folgen daraus?
3. Wie kommuniziert es mit anderen Teams?
4. Wie werden die APIs aussehen?

TEAM-DESIGN = ARCHITEKTUR-DESIGN

Limitationen

Conway's Law ist keine Ausrede

NICHT:
„Unsere Architektur ist halt so weil Conway's Law."

SONDERN:
„Unsere Architektur spiegelt unsere Organisation.
Wollen wir das ändern?"

CONWAY'S LAW BESCHREIBT – ES ENTSCHULDIGT NICHT.

Technik kann auch Organisation beeinflussen

UMGEKEHRTER EFFEKT:

Manchmal zwingt Technologie zu anderen Strukturen.
- Neue Tools ermöglichen neue Arbeitsweisen
- Plattformen reduzieren Team-Abhängigkeiten
- APIs können Team-Grenzen überbrücken

→ Es ist keine Einbahnstraße

Fazit: Architektur ist Teamarbeit

Conway's Law ist weder gut noch schlecht – es ist eine Beobachtung. Die Frage ist: Nutzt du sie bewusst?

Die Kernprinzipien:

  1. Bewusstsein: Deine Organisation formt deine Architektur
  2. Inverse Conway: Designe Teams für gewünschte Architektur
  3. Team Topologies: Strukturierte Denke über Team-Typen
  4. Alignment prüfen: Regelmäßig Org vs. Architektur vergleichen
  5. Intentional handeln: Architektur-Entscheidungen = Team-Entscheidungen

Deine Challenge:

Zeichne dein System und dein Organigramm. Wo siehst du Conway's Law in Aktion? Was erklärt das über eure Architektur-Probleme?


Du willst verstehen, wie du Teams optimal strukturierst? Unser Guide zu Stakeholder Management zeigt, wie du mit verschiedenen Team-Interessen umgehst.

#Conway's Law#Software Architektur#Team Topologies#Organisationsdesign#Tech Leadership

Hast du ein ähnliches Projekt?

Lass uns darüber reden, wie ich dir helfen kann.

Kontakt aufnehmen