Stakeholder Management: Warum Tech-Skills allein nicht reichen
Das beste technische Projekt scheitert, wenn die falschen Menschen dagegen sind. Die mittelmäßige Lösung wird zum Erfolg, wenn die richtigen Menschen dafür sind.
Das ist die Realität von Stakeholder Management.
Was ist Stakeholder Management?
Ein Stakeholder ist jede Person oder Gruppe, die von deinem Projekt betroffen ist oder Einfluss darauf hat.
Stakeholder Management bedeutet:
- Identifizieren, wer die Stakeholder sind
- Verstehen, was sie wollen und brauchen
- Kommunizieren, um Erwartungen zu managen
- Beziehungen aufbauen für langfristigen Erfolg
Typische Stakeholder in Tech-Projekten
INTERN:
- Product Owner / Product Manager
- Engineering Manager
- CTO / VP Engineering
- CEO / Geschäftsführung
- Andere Teams (abhängig/betroffene)
- Support / Customer Success
- Sales
- Finance
- HR
- Legal / Compliance
EXTERN:
- Kunden / Nutzer
- Partner
- Investoren
- Regulierungsbehörden
Warum Stakeholder Management wichtig ist
Das 80/20 der Projekt-Probleme
TECHNISCHE PROBLEME: 20%
- Bugs
- Performance
- Skalierung
- Architektur
PEOPLE PROBLEME: 80%
- Unterschiedliche Erwartungen
- Mangelnde Kommunikation
- Politische Widerstände
- Fehlende Ressourcen (Entscheidung von Stakeholdern)
Was passiert ohne Stakeholder Management
| Situation | Ohne SM | Mit SM |
|---|---|---|
| Anforderungsänderung | „Warum sagt uns das keiner früher?" | Frühe Einbindung, keine Überraschungen |
| Budget-Entscheidung | Team erfährt es zuletzt | Team hat Input gegeben |
| Launch-Probleme | Blame Game | Gemeinsame Verantwortung |
| Priorisierung | Wer am lautesten schreit | Transparente Kriterien |
| Ressourcen | Ständiger Kampf | Klare Absprachen |
Framework 1: Stakeholder-Mapping
Power/Interest Matrix
Die klassische Matrix zur Stakeholder-Kategorisierung:
INTERESSE
Niedrig Hoch
┌─────────────────┬─────────────────┐
Hoch │ ZUFRIEDEN │ MANAGE │
│ HALTEN │ AKTIV │
MACHT │ │ │
│ Finance, │ CTO, Product, │
│ Legal │ Key Customer │
├─────────────────┼─────────────────┤
Niedrig │ MONITORING │ INFORMIERT │
│ (minimal) │ HALTEN │
│ │ │
│ Andere Teams │ End-User, │
│ │ Support Team │
└─────────────────┴─────────────────┘
Für jeden Quadranten
Manage Aktiv (Hohe Macht, Hohes Interesse):
- Regelmäßige Updates und Meetings
- Früh einbinden bei Entscheidungen
- Beziehung pflegen
- Beispiele: CTO, Product Owner, Key Customers
Zufrieden Halten (Hohe Macht, Niedriges Interesse):
- Informiert halten, nicht überfluten
- Bei wichtigen Meilensteinen einbinden
- Nicht ignorieren
- Beispiele: CEO, Finance, Legal
Informiert Halten (Niedrige Macht, Hohes Interesse):
- Regelmäßige Updates (Newsletter, Slack)
- Feedback einholen
- Als Multiplikatoren nutzen
- Beispiele: End-User, Support Team
Monitoring (Niedrige Macht, Niedriges Interesse):
- Minimaler Aufwand
- Bei Bedarf informieren
- Auf Veränderungen achten
- Beispiele: Andere Teams, externe Partner
Stakeholder-Profil Template
STAKEHOLDER: [Name/Rolle]
1. EINFLUSS/MACHT: [1-5]
2. INTERESSE: [1-5]
3. HALTUNG: [Supporter/Neutral/Blocker]
4. WAS WILL ER/SIE?
- Geschäftsziel:
- Persönliches Ziel:
- Bedenken:
5. WAS BRAUCHT ER/SIE VON UNS?
- Information:
- Entscheidungen:
- Ergebnisse:
6. WIE KOMMUNIZIEREN?
- Frequenz:
- Format:
- Kanal:
7. BEZIEHUNGSSTATUS:
- Aktuell:
- Ziel:
- Nächster Schritt:
Framework 2: RACI Matrix
Klärt Verantwortlichkeiten zwischen Stakeholdern.
R - Responsible: Wer führt aus?
A - Accountable: Wer ist verantwortlich? (nur 1 Person)
C - Consulted: Wer wird gefragt? (vor der Entscheidung)
I - Informed: Wer wird informiert? (nach der Entscheidung)
Beispiel: Feature Launch
| Tech Lead | PM | CTO | Support | Legal |
--------------------|-----------|-----|-----|---------|-------|
Entwicklung | R | I | I | I | - |
Feature-Definition | C | R | A | C | - |
Launch-Entscheidung | C | R | A | C | C |
Dokumentation | R | I | - | C | - |
User-Kommunikation | I | A | I | R | C |
RACI-Regeln
- Nur ein A pro Zeile – Klare Verantwortlichkeit
- Jede Zeile braucht ein R – Jemand muss es tun
- Nicht zu viele C – Sonst wird es langsam
- I ist nicht optional – Informierte Stakeholder sind zufriedene Stakeholder
Stakeholder-Kommunikation
Die Grundregel
STAKEHOLDER WOLLEN WISSEN:
1. Was ist der Status? (Grün/Gelb/Rot)
2. Was bedeutet das für mich?
3. Was brauchst du von mir?
4. Was kommt als nächstes?
SIE WOLLEN NICHT:
- Technische Details (meist)
- Lange Reports lesen
- Überraschungen
- Arbeit, die sie nicht erwartet haben
Kommunikation nach Stakeholder-Typ
Für Executives (CEO, CTO, VP):
FORMAT:
- Executive Summary zuerst
- Bullet Points
- Rot/Gelb/Grün Status
- Entscheidungen klar formulieren
BEISPIEL:
„Status: GELB
- Feature X: Im Plan
- Feature Y: 1 Woche verzögert wegen [Grund]
- Risiko: Z
- Entscheidung benötigt: [ja/nein]"
Für Product/Business:
FORMAT:
- Business Impact fokussieren
- Nutzer-Perspektive
- Roadmap-Kontext
- Trade-offs transparent machen
BEISPIEL:
„Feature X ermöglicht [Business Value].
Wir können es bis [Datum] liefern, wenn wir
[Trade-off] machen. Alternative wäre [Option B]
mit [Konsequenz]."
Für andere Tech-Teams:
FORMAT:
- Technische Details OK
- Abhängigkeiten klar machen
- Gemeinsame Sprache nutzen
- Konkrete Asks
BEISPIEL:
„Wir migrieren auf Service X.
Das betrifft eure API-Calls an [Endpoint].
Wir brauchen von euch: [konkreter Ask]
bis [Datum]."
Kommunikations-Frequenz
| Täglich | Wöchentlich | Monatlich | Quarterly |
--------------------|---------|-------------|-----------|-----------|
Manage Aktiv | ✓* | ✓ | ✓ | ✓ |
Zufrieden Halten | | ✓* | ✓ | ✓ |
Informiert Halten | | ✓ | | |
Monitoring | | | ✓* | |
* = Minimum
Schwierige Stakeholder managen
Der Blocker
Symptome:
- Sagt immer Nein
- Findet bei allem Probleme
- Verzögert Entscheidungen
Strategie:
1. VERSTEHEN
- Was ist das echte Bedenken?
- Was riskiert er/sie?
- Was hat er/sie zu verlieren?
2. ADRESSIEREN
- Bedenken ernst nehmen
- Gemeinsam Lösungen finden
- Kleine Wins ermöglichen
3. ESKALIEREN (falls nötig)
- Mit Daten, nicht Emotionen
- Alternativen aufzeigen
- Entscheidung einfordern
Der Überforderer (HiPPO)
Symptome:
- Highest Paid Person's Opinion dominiert
- Ändert ständig die Richtung
- Überflutet mit Requests
Strategie:
1. STRUKTUR SCHAFFEN
- Klare Priorisierungskriterien
- Kapazitäts-Transparenz
- Trade-offs sichtbar machen
2. PUSH-BACK MIT DATEN
„Wenn wir A machen, können wir B nicht machen.
Was hat Priorität?"
3. EXPECTATIONS MANAGEN
- Früh kommunizieren, was möglich ist
- Regelmäßig Status geben
- Scope-Creep dokumentieren
Der Invisible Stakeholder
Symptome:
- Taucht plötzlich auf
- Hat Veto-Power
- Wurde vergessen/übersehen
Strategie:
1. PROAKTIV IDENTIFIZIEREN
- „Wer sollte das noch wissen?"
- „Wer könnte betroffen sein?"
- Organigramm-Analyse
2. FRÜH EINBINDEN
- Lieber zu viel als zu wenig informieren
- Feedback-Möglichkeit geben
- Überraschungen vermeiden
Der Competitor
Symptome:
- Sieht dein Projekt als Konkurrenz
- Behält Informationen zurück
- Politische Spielchen
Strategie:
1. GEMEINSAME ZIELE FINDEN
- Was verbindet euch?
- Wo ist Win-Win möglich?
- Wie könnt ihr voneinander profitieren?
2. TRANSPARENZ SCHAFFEN
- Offen kommunizieren
- Keine Geheimnisse
- Vertrauen aufbauen
3. ESKALATION VERMEIDEN
- Aber wenn nötig: Mit Fakten
- Manager als Vermittler
Managing Up
Als Tech-Leader musst du auch „nach oben" managen – deinen eigenen Manager, CTO, oder CEO.
Die Grundprinzipien
1. KEINE ÜBERRASCHUNGEN
- Schlechte Nachrichten früh
- Lieber über- als unterkommunizieren
- Kontext geben, bevor gefragt wird
2. LÖSUNGEN, NICHT NUR PROBLEME
„Wir haben Problem X. Ich schlage Y vor.
Dafür brauche ich Z von dir."
3. IHRE SPRACHE SPRECHEN
- Business Impact, nicht Tech-Details
- Was interessiert sie?
- Wie treffen sie Entscheidungen?
4. BERECHENBAR SEIN
- Was du zusagst, hältst du
- Wenn nicht möglich: Früh kommunizieren
- Konsistenz schafft Vertrauen
Was dein Manager von dir will
INFORMATION:
- Status: On Track / At Risk / Off Track
- Warum: Kurze Begründung
- Prognose: Was passiert als nächstes
- Ask: Was brauchst du?
ENTLASTUNG:
- Probleme lösen, nicht delegieren
- Eskalation nur wenn nötig
- Entscheidungen vorbereiten
VERTRAUEN:
- Ehrlichkeit, auch bei schlechten Nachrichten
- Zuverlässigkeit
- Keine Überraschungen
Das 1:1 mit deinem Manager nutzen
AGENDA (deine Verantwortung):
1. TOP 3 UPDATES
- Was sollte er/sie wissen?
2. DECISIONS / INPUT NEEDED
- Welche Entscheidung steht an?
- Was ist dein Vorschlag?
3. BLOCKERS
- Was steht im Weg?
- Wie kann er/sie helfen?
4. FEEDBACK
- Was läuft gut/nicht gut?
5. CAREER / DEVELOPMENT
- Langfristige Themen
Stakeholder-Alignment schaffen
Das Kick-off Meeting
ZIEL:
Alle relevanten Stakeholder auf den gleichen Stand bringen.
AGENDA:
1. Warum dieses Projekt? (Vision, Business Case)
2. Was ist der Scope? (In/Out of Scope)
3. Wer ist beteiligt? (RACI)
4. Wie kommunizieren wir? (Frequenz, Kanäle)
5. Was sind die Meilensteine?
6. Was sind bekannte Risiken?
7. Fragen / Bedenken
OUTPUT:
- Dokumentiertes gemeinsames Verständnis
- Klare nächste Schritte
- Commitment aller Stakeholder
Der Stakeholder-Check-in
FREQUENZ: Wöchentlich oder bi-weekly
FORMAT:
30 Minuten, gleiche Struktur jedes Mal
AGENDA:
1. Status-Update (5 min)
- Rot/Gelb/Grün
- Top 3 Accomplishments
- Top 3 Nächste Schritte
2. Risiken & Issues (10 min)
- Neue Risiken
- Eskalationen
- Entscheidungen nötig?
3. Fragen & Diskussion (10 min)
4. Action Items (5 min)
Das Steering Committee
FÜR GRÖSSERE PROJEKTE:
WER:
- Key Decision Makers
- Budget-Verantwortliche
- Abhängige Teams
FREQUENZ:
- Monatlich oder bei Meilensteinen
ZIEL:
- Strategic Alignment
- Ressourcen-Entscheidungen
- Eskalations-Auflösung
FORMAT:
- Executive Summary vorab
- Meeting nur für Diskussion/Entscheidungen
- Klare Outcomes dokumentieren
Konflikte zwischen Stakeholdern
Wenn Stakeholder unterschiedliche Ziele haben
BEISPIEL:
- Sales will Feature A (hilft beim Verkauf)
- Support will Feature B (reduziert Tickets)
- Finance will weniger Ausgaben
- Engineering will Tech Debt abbauen
LÖSUNG:
1. ZIELE TRANSPARENT MACHEN
Alle Interessen auf den Tisch
2. PRIORISIERUNGSKRITERIEN DEFINIEREN
- Business Impact
- Effort
- Strategische Relevanz
- Kundenwert
3. GEMEINSAM PRIORISIEREN
Mit den definierten Kriterien
4. TRADE-OFFS DOKUMENTIEREN
„Wir machen A, weil X. B kommt später, weil Y."
5. COMMITMENT EINHOLEN
Alle tragen die Entscheidung mit
Eskalation richtig machen
WANN ESKALIEREN:
- Stakeholder können sich nicht einigen
- Blockade seit > 1 Woche
- Business Impact droht
- Nicht: Bei jedem Konflikt
WIE ESKALIEREN:
1. Beide Positionen neutral darstellen
2. Eigene Empfehlung geben (mit Begründung)
3. Entscheidung vom Eskalations-Level einfordern
4. Ergebnis an alle kommunizieren
ANTI-PATTERN:
- Hinter dem Rücken eskalieren
- Ohne eigene Empfehlung eskalieren
- Zu früh oder zu oft eskalieren
Tools für Stakeholder Management
Stakeholder Map (Visual)
Erstelle ein visuelles Diagramm:
- Dein Projekt in der Mitte
- Stakeholder drum herum
- Linien zeigen Beziehungen
- Farben zeigen Haltung (Supporter/Neutral/Blocker)
- Größe zeigt Einfluss
Kommunikationsplan Template
| Stakeholder | Was | Wann | Wie | Wer |
|-------------|-----|------|-----|-----|
| CTO | Status Update | Wöchentlich | 1:1 | Tech Lead |
| Product | Sprint Demo | Bi-weekly | Meeting | Team |
| Support | Feature Updates | Bei Release | Slack | PM |
Stakeholder Sentiment Tracking
Tracke über Zeit:
- Stakeholder-Zufriedenheit (1-5)
- Offene Issues pro Stakeholder
- Kommunikations-Frequenz
- Sentiment in Meetings
Hilft Trends zu erkennen bevor es eskaliert.
Fazit: Stakeholder Management als Leadership-Skill
Technische Exzellenz ist notwendig, aber nicht hinreichend für Projekt-Erfolg. Stakeholder Management ist der Multiplikator.
Die Kernprinzipien:
- Identifizieren: Wer sind deine Stakeholder?
- Verstehen: Was wollen sie wirklich?
- Kategorisieren: Power/Interest Matrix
- Kommunizieren: Richtige Frequenz, richtiges Format
- Beziehungen pflegen: Langfristig denken
Deine Challenge für diese Woche:
Erstelle eine Stakeholder Map für dein wichtigstes Projekt:
- Liste alle Stakeholder auf
- Ordne sie in die Power/Interest Matrix ein
- Identifiziere die Top 3, mit denen du mehr kommunizieren solltest
- Plane je ein Gespräch mit ihnen
Du wirst überrascht sein, wie viel einfacher Dinge werden, wenn die richtigen Menschen auf deiner Seite sind.
Du willst verstehen, wie du als Tech-Leader Beziehungen aufbaust und Vertrauen schaffst? Unser Guide zu Servant Leadership zeigt einen Führungsstil, der Menschen in den Mittelpunkt stellt.



