Jeff Bezos unterscheidet zwischen „One-Way-Door" und „Two-Way-Door" Entscheidungen. Bei Amazon gilt: Two-Way-Door Entscheidungen können von jedem getroffen werden, schnell und ohne Bürokratie. One-Way-Door Entscheidungen brauchen mehr Überlegung.
Die meisten Teams behandeln alle Entscheidungen wie One-Way-Doors – und werden dadurch langsam.
Warum Entscheidungen treffen so schwer ist
Das Paradox der Wahl
Die häufigsten Entscheidungsfehler
| Fehler | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Analyse-Paralyse | Endloses Analysieren ohne Entscheidung | „Noch ein Meeting, dann entscheiden wir" |
| Confirmation Bias | Nur Informationen suchen, die eigene Meinung bestätigen | Framework X ist toll → Nur positive Artikel lesen (siehe auch Kognitive Biases im Projektmanagement) |
| Sunk Cost Fallacy | An schlechten Entscheidungen festhalten wegen bereits investierter Ressourcen | „Wir haben schon 6 Monate investiert..." |
| Groupthink | Alle stimmen zu, niemand hinterfragt | Stille bei „Hat jemand Bedenken?" |
| Recency Bias | Letzte Erfahrungen übergewichten | „Microservices haben bei Firma X nicht funktioniert, also nie wieder" |
| Authority Bias | Meinung der Autoritätsperson übernehmen | „Der CTO sagt X, also machen wir X" |
Framework 1: Reversible vs. Irreversible Entscheidungen
Die Two-Door-Rule (Amazon)
One-Way-Door (Irreversibel):
- Schwer oder unmöglich rückgängig zu machen
- Hohe Kosten bei Fehlern
- Brauchen gründliche Analyse
Two-Way-Door (Reversibel):
- Leicht rückgängig zu machen
- Niedrige Kosten bei Fehlern
- Können schnell getroffen werden
Die 70%-Regel
Jeff Bezos' Ansatz: Entscheide, wenn du 70% der Informationen hast, die du gerne hättest.
Warum 70%? Bei den letzten 30% der Informationen steigt der Aufwand exponentiell, während der Erkenntnisgewinn sinkt.
Framework 2: RAPID für komplexe Team-Entscheidungen
RAPID definiert klare Rollen für den Entscheidungsprozess:
| Rolle | Bedeutung | Aufgabe |
|---|---|---|
| R - Recommend | Empfehlung geben | Analysiert Optionen und schlägt vor |
| A - Agree | Zustimmung erforderlich | Muss zustimmen (Veto-Recht) |
| P - Perform | Ausführung | Setzt die Entscheidung um |
| I - Input | Input geben | Wird konsultiert, muss nicht zustimmen |
| D - Decide | Entscheidung treffen | Finale Entscheidung |
RAPID in der Praxis
Warum RAPID funktioniert
- Klarheit: Jeder weiß, was seine Rolle ist
- Geschwindigkeit: Kein endloses Konsensfinden
- Accountability: Eine Person entscheidet
- Inklusion: Input wird gehört, aber blockiert nicht
Framework 3: 10/10/10 für emotionale Distanz
Wenn eine Entscheidung emotional aufgeladen ist, hilft die 10/10/10-Methode:
Frage dich:
- Wie werde ich über diese Entscheidung in 10 Minuten denken?
- Wie werde ich in 10 Monaten darüber denken?
- Wie werde ich in 10 Jahren darüber denken?
Beispiel
Framework 4: OODA-Loop für schnelle Entscheidungen
Der OODA-Loop kommt aus dem Militär und funktioniert für schnelle, iterative Entscheidungen:
OODA im Tech-Alltag
Framework 5: Pre-Mortem
Anstatt nach dem Scheitern zu analysieren (Post-Mortem), stelle dir VOR der Entscheidung vor, dass sie gescheitert ist.
Prozess
Warum Pre-Mortems funktionieren
- Umgeht Groupthink (Bedenken zu äußern wird legitimiert)
- Aktiviert andere Denkweise (Failure Mode statt Success Mode)
- Entdeckt blinde Flecken vor der Entscheidung
Framework 6: Eisenhower-Matrix für Priorisierung
Nicht jede Entscheidung braucht gleich viel Aufmerksamkeit.
Für Entscheidungen angewendet
Entscheidungen im Team treffen
Konsens vs. Consent
Konsens: Alle müssen zustimmen
- Pro: Hohe Akzeptanz
- Contra: Sehr langsam, kleinster gemeinsamer Nenner
Consent: Niemand hat einen schwerwiegenden Einwand
- Pro: Schneller, bessere Entscheidungen
- Contra: Einwände müssen qualifiziert sein
Disagree and Commit
Amazons Prinzip: Nach der Entscheidung committed das ganze Team – auch die, die dagegen waren.
RFC-Prozess für technische Entscheidungen
Request for Comments (RFC) für größere technische Entscheidungen:
Decision Fatigue vermeiden
Was ist Decision Fatigue?
Je mehr Entscheidungen du triffst, desto schlechter werden sie.
Strategien dagegen
1. Wichtige Entscheidungen früh am Tag
2. Routine-Entscheidungen eliminieren
3. Batching
4. Defaults setzen
Entscheidungen dokumentieren
Warum dokumentieren?
- Kontext bewahren: In 6 Monaten weißt du nicht mehr, warum
- Onboarding: Neue Teammitglieder verstehen die Historie
- Lernen: Was hat funktioniert, was nicht?
- Accountability: Wer hat entschieden?
Architecture Decision Records (ADR)
# ADR-001: Verwendung von PostgreSQL als Datenbank
## Status
Akzeptiert
## Kontext
Wir brauchen eine Datenbank für die neue Applikation.
Anforderungen: ACID, JSON-Support, gute Performance.
## Entscheidung
Wir verwenden PostgreSQL.
## Begründung
- JSON-Support für flexible Schemas
- Bewährte Performance
- Team hat Erfahrung
- Kosten sind niedrig
## Alternativen betrachtet
- MongoDB: Abgelehnt wegen ACID-Anforderungen
- MySQL: Abgelehnt wegen schwächerem JSON-Support
## Konsequenzen
- Ops-Team muss PostgreSQL-Kenntnisse aufbauen
- Backup-Strategie muss definiert werden
## Datum
2026-01-21
## Entscheider
@jonas
Häufige Entscheidungssituationen in Tech
Technologie-Auswahl
Build vs. Buy
Refactoring vs. Feature
Fazit: Entscheidungen als Skill
Gute Entscheidungen sind kein Talent, sondern ein Skill, der trainiert werden kann.
Die wichtigsten Prinzipien:
- Reversibilität prüfen: Two-Way-Door = schnell entscheiden
- 70% reicht: Nicht auf perfekte Information warten
- Rollen klären: Wer entscheidet? (RAPID)
- Emotionen managen: 10/10/10 für Distanz
- Schnell iterieren: OODA für dynamische Situationen
- Risiken antizipieren: Pre-Mortem vor der Entscheidung
- Dokumentieren: Für Kontext und Lernen
Die eine Frage für heute:
Welche Entscheidung schiebst du gerade vor dir her – obwohl sie eigentlich eine Two-Way-Door ist?
Triff sie. Jetzt. Du kannst sie später anpassen.
Du willst verstehen, wie du als Führungskraft Entscheidungen kommunizierst und dein Team einbindest? Unser Guide zu Servant Leadership zeigt einen Führungsstil, der auf Vertrauen und Transparenz setzt.

