Konfliktmanagement: Warum die besten Teams streiten
„Wir haben keine Konflikte in unserem Team."
Dieser Satz klingt positiv, ist aber ein Warnsignal. Teams ohne sichtbare Konflikte haben meist eines von zwei Problemen:
- Konflikte werden unter den Teppich gekehrt (explodieren später)
- Niemand sagt seine ehrliche Meinung (Groupthink)
Gesunde Teams haben Konflikte – und lösen sie konstruktiv.
Warum Konflikte unvermeidlich sind
Die Natur von Teamarbeit
VERSCHIEDENE MENSCHEN BEDEUTEN:
- Verschiedene Perspektiven
- Verschiedene Prioritäten
- Verschiedene Arbeitsstile
- Verschiedene Kommunikationsstile
+ KNAPPE RESSOURCEN:
- Begrenzte Zeit
- Begrenzte Budget
- Begrenzte Aufmerksamkeit
= KONFLIKTE SIND VORPROGRAMMIERT
Konflikt ≠ Schlecht
| Destruktiver Konflikt | Konstruktiver Konflikt |
|---|---|
| Persönliche Angriffe | Sachliche Auseinandersetzung |
| Gewinner vs. Verlierer | Gemeinsame Lösung |
| Zerstört Beziehungen | Stärkt Verständnis |
| Wird vermieden | Wird adressiert |
| Eskaliert über Zeit | Führt zu besserem Ergebnis |
Typische Konflikte in Tech-Teams
1. Technische Meinungsverschiedenheiten
BEISPIELE:
- Welche Technologie/Architektur?
- Refactoring vs. Feature
- Code Style und Standards
- „Richtige" Lösung für ein Problem
WARUM SIE ESKALIEREN:
- Hohe Identifikation mit eigener Lösung
- „Meine Art ist besser" = Ego
- Mangelnde objektive Kriterien
2. Ressourcenkonflikte
BEISPIELE:
- Wer bekommt die Senior-Entwickler?
- Budget für Tools/Training
- Priorität auf der Roadmap
- Zeitaufwand für Tech Debt
WARUM SIE ESKALIEREN:
- Zero-Sum-Denken
- Fehlende Transparenz bei Entscheidungen
- Unterschiedliche Stakeholder-Interessen
3. Kommunikations-Konflikte
BEISPIELE:
- Missverständnisse in Remote-Kommunikation
- Verschiedene Kommunikationsstile
- Unausgesprochene Erwartungen
- Feedback wird als Angriff empfunden
WARUM SIE ESKALIEREN:
- Interpretation statt Nachfragen
- Asynchrone Kommunikation verzerrt
- Fehlende Beziehungsbasis
4. Persönlichkeitskonflikte
BEISPIELE:
- „Ich kann mit X nicht arbeiten"
- Verschiedene Arbeitsstile (Detail vs. Big Picture)
- Introvertiert vs. Extrovertiert
- Direkt vs. Diplomatisch
WARUM SIE ESKALIEREN:
- Unterschiede werden als Defizite gesehen
- Mangelnde Empathie
- Vergangene Vorfälle werden mitgeschleppt
Konfliktstufen erkennen
Das Glasl-Modell (vereinfacht)
STUFE 1-3: WIN-WIN NOCH MÖGLICH
─────────────────────────────────
1. Spannung
- Verhärtung der Standpunkte
- Noch sachlich
2. Debatte
- Polarisierung
- Schwarz-Weiß-Denken
3. Taten statt Worte
- Handlungen ohne Absprache
- Kommunikation bricht ab
STUFE 4-6: WIN-LOSE
─────────────────────────────────
4. Koalitionen
- Lager bilden sich
- Andere werden einbezogen
5. Gesichtsverlust
- Öffentliche Angriffe
- Image-Schädigung
6. Drohstrategien
- Ultimaten
- Machtdemonstration
STUFE 7-9: LOSE-LOSE
─────────────────────────────────
7. Begrenzte Vernichtung
- Schaden zufügen
- Eigener Schaden akzeptiert
8. Zersplitterung
- Systematische Zerstörung
9. Gemeinsam in den Abgrund
- Selbstvernichtung
Wann eingreifen?
STUFE 1-3:
→ Team kann es oft selbst lösen
→ Moderierte Diskussion hilft
→ Leader als Facilitator
STUFE 4-6:
→ Aktive Intervention nötig
→ Mediation durch neutrale Person
→ Leader muss handeln
STUFE 7-9:
→ Externe Hilfe (HR, Coach)
→ Möglicherweise Trennung nötig
→ Schadenbegrenzung
Konfliktlösungs-Strategien
Das Thomas-Kilmann-Modell
Fünf Strategien, je nach Situation:
ASSERTIV (eigene Interessen)
↑
│
Konkurrieren │ Kollaborieren
(Win-Lose) │ (Win-Win)
│
│
←─────────────────────┼───────────────────────→
│ KOOPERATIV
│ (Interessen
Vermeiden │ des Anderen)
(Lose-Lose) │
│
Kompromiss Anpassen
(Split) (Lose-Win)
│
↓
Wann welche Strategie?
Kollaborieren (Win-Win):
- Wenn beide Interessen wichtig sind
- Wenn Zeit für tiefe Diskussion da ist
- Wenn langfristige Beziehung wichtig ist
- „Wie können wir beides erreichen?"
Konkurrieren (Win-Lose):
- Bei Notfällen
- Bei klaren Prinzipien
- Wenn schnelle Entscheidung nötig ist
- Sparsam einsetzen!
Kompromiss (Split):
- Wenn Zeit knapp ist
- Wenn beide Positionen legitim sind
- Als temporäre Lösung
- „Wir treffen uns in der Mitte"
Anpassen (Lose-Win):
- Wenn das Thema für dich unwichtiger ist
- Wenn du falsch lagst
- Um Goodwill aufzubauen
- Nicht aus Konfliktscheu!
Vermeiden (Lose-Lose):
- Wenn Thema trivial ist
- Wenn Abkühlung nötig ist
- Wenn andere besser lösen können
- Nicht als Dauerstrategie!
Das Konfliktgespräch
Vorbereitung
VOR DEM GESPRÄCH:
1. FAKTEN SAMMELN
- Was ist genau passiert?
- Wer sagt was?
- Was ist Fakt, was Interpretation?
2. EIGENE EMOTIONEN CHECKEN
- Bin ich ruhig genug?
- Habe ich eine Agenda?
- Kann ich neutral sein?
3. SETTING PLANEN
- Neutral Ort
- Genug Zeit
- Keine Störungen
- Alle relevanten Personen
4. ZIEL DEFINIEREN
- Was soll am Ende stehen?
- Was ist das Minimum?
- Was ist nice-to-have?
Ablauf
PHASE 1: ERÖFFNUNG (5 min)
──────────────────────────
- Rahmen setzen
- Ziel des Gesprächs klären
- Grundregeln etablieren
„Wir sind hier, um [Thema] zu besprechen.
Mein Ziel ist, dass wir gemeinsam eine Lösung finden.
Können wir vereinbaren, einander ausreden zu lassen?"
PHASE 2: PERSPEKTIVEN HÖREN (20 min)
──────────────────────────────────────
- Jede Seite spricht
- Nicht unterbrechen
- Aktiv zuhören
- Zusammenfassen
„[Name A], erzähl mir deine Sicht der Dinge."
[Zuhören]
„Wenn ich dich richtig verstehe... Stimmt das?"
„[Name B], jetzt du."
[Zuhören]
„Wenn ich dich richtig verstehe... Stimmt das?"
PHASE 3: INTERESSEN IDENTIFIZIEREN (10 min)
───────────────────────────────────────────
- Unter den Positionen liegen Interessen
- Was ist wirklich wichtig?
- Gemeinsamkeiten finden
„Was ist dir bei diesem Thema am wichtigsten?"
„Wovor hast du Sorge?"
„Was würde eine gute Lösung für dich ausmachen?"
PHASE 4: LÖSUNGEN ENTWICKELN (15 min)
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- Gemeinsam brainstormen
- Nicht sofort bewerten
- Kreativ sein
„Welche Optionen haben wir?"
„Was wäre, wenn wir...?"
„Gibt es eine Lösung, die für beide funktioniert?"
PHASE 5: VEREINBARUNG (5 min)
─────────────────────────────
- Konkrete nächste Schritte
- Wer macht was bis wann?
- Follow-up vereinbaren
„Was nehmen wir mit? Wer macht was?
Wann sprechen wir wieder?"
PHASE 6: ABSCHLUSS (5 min)
─────────────────────────────
- Danken
- Positiv enden
- Beziehung stärken
„Danke, dass ihr bereit wart, das zu besprechen."
Gesprächstechniken
Aktives Zuhören:
- Blickkontakt
- Nicken
- Zusammenfassen: „Du sagst also..."
- Nachfragen: „Was meinst du mit...?"
- Nicht unterbrechen
Ich-Botschaften:
NICHT: „Du hast das Meeting dominiert."
BESSER: „Ich habe mich im Meeting nicht gehört gefühlt."
Reframing:
ORIGINAL: „Er blockiert immer alles!"
REFRAME: „Es klingt, als ob es unterschiedliche
Vorstellungen über Qualitätsstandards gibt."
Normalisieren:
„Es ist normal, dass bei solchen Themen
unterschiedliche Meinungen aufkommen.
Das zeigt, dass euch das Thema wichtig ist."
Als Leader Konflikte moderieren
Die Rolle des Leaders
DU BIST:
- Moderator, nicht Richter
- Facilitator, nicht Entscheider (wenn möglich)
- Neutraler Prozessbegleiter
DU BIST NICHT:
- Partei für eine Seite
- Der, der die „richtige" Lösung kennt
- Therapeut (bei tieferen Issues: HR/externe Hilfe)
Wann eingreifen?
EINGREIFEN WENN:
- Konflikt eskaliert (Stufe 4+)
- Performance des Teams leidet
- Andere werden hineingezogen
- Jemand bittet um Hilfe
NICHT EINGREIFEN (erstmal) WENN:
- Sachliche Meinungsverschiedenheit
- Team kann es selbst lösen
- Lerngelegenheit für die Beteiligten
Häufige Fehler als Leader
Fehler 1: Partei ergreifen
NICHT:
„Ich verstehe Tom, Maria ist da zu empfindlich."
BESSER:
„Ich höre, dass ihr unterschiedliche Perspektiven habt.
Lass uns beide verstehen."
Fehler 2: Ignorieren und hoffen
NICHT:
„Das regelt sich von selbst."
REALITÄT:
Konflikte eskalieren meist, wenn sie ignoriert werden.
BESSER:
Früh ansprechen, bevor es eskaliert.
Fehler 3: Zu schnell lösen
NICHT:
„Okay, wir machen es so: [deine Lösung]."
BESSER:
Prozess moderieren, Team die Lösung finden lassen.
Die beste Lösung ist die, die vom Team kommt.
Fehler 4: Vermeiden aus Unbehagen
NICHT:
„Konflikte sind unangenehm, also gehe ich drum herum."
REALITÄT:
Vermeiden macht es schlimmer.
BESSER:
Unbehagen akzeptieren, trotzdem handeln.
Das ist Teil des Leadership-Jobs.
Spezielle Konflikt-Situationen
Remote-Konflikte
HERAUSFORDERUNGEN:
- Keine Körpersprache
- Missverständnisse durch Text
- Eskalation schneller (keine Face-to-Face-Hemmschwelle)
LÖSUNGEN:
- Video-Calls für Konfliktgespräche (Kamera an!)
- Nicht per Chat/E-Mail klären
- Expliziter kommunizieren
- Tone of voice checken bevor senden
Konflikte mit Remote-Kontext
TYPISCH:
Slack-Nachricht wird falsch interpretiert.
BEISPIEL:
„Das ist interessant." (gemeint: neutral)
→ Gelesen als: „Das ist sarkatisch/kritisch"
LÖSUNG:
- Im Zweifel anrufen
- Emojis können helfen (manchmal)
- Bei Unklarheit nachfragen
Konflikt zwischen Teams
TYPISCH:
- Team A gibt Team B die Schuld für Incident
- Ressourcen-Konkurrenz zwischen Teams
- „Die verstehen uns nicht"
LÖSUNG:
1. Beide Teams hören (separat)
2. Gemeinsames Meeting mit Struktur
3. Fokus auf gemeinsame Ziele
4. Konkrete Vereinbarungen
5. Follow-up sicherstellen
Konflikt mit einem „schwierigen" Menschen
ACHTUNG:
„Schwierig" ist oft eine Perspektive.
Frage: Schwierig für wen? Warum?
MÖGLICHKEITEN:
1. Verschiedene Arbeitsstile (kein Defizit)
2. Echtes Verhaltensproblem
3. Mismatch Person-Rolle
4. Externe Faktoren (Stress, private Situation)
ANSATZ:
- Nicht labeln („der ist schwierig")
- Konkretes Verhalten adressieren
- Verstehen versuchen
- Klare Erwartungen setzen
Konfliktprävention
Eine Kultur der konstruktiven Auseinandersetzung
MASSNAHMEN:
1. PSYCHOLOGISCHE SICHERHEIT
- Meinungsverschiedenheit ist okay
- Fehler zugeben ist safe
- [Psychological Safety](/de/blog/psychological-safety-tech-teams) aufbauen
2. KLARE NORMEN
- Wie diskutieren wir?
- Wie geben wir Feedback?
- Wie treffen wir Entscheidungen?
3. FRÜH ANSPRECHEN
- Kleine Issues nicht sammeln
- Feedback-Kultur
- Retros nutzen
4. BEZIEHUNGEN BAUEN
- Menschen kennenlernen
- Vertrauen aufbauen
- Dann sind Konflikte einfacher
Team-Agreements
BEISPIEL TEAM-AGREEMENT:
„Bei Meinungsverschiedenheiten:
1. Wir diskutieren sachlich, nicht persönlich
2. Wir hören einander aus
3. Wir fragen nach, bevor wir urteilen
4. Wir suchen Win-Win-Lösungen
5. Wenn wir nicht weiterkommen: Wir holen Hilfe"
Retrospektiven als Ventil
RETROS ERMÖGLICHEN:
- Regelmäßiger Raum für Spannungen
- Strukturierter Rahmen
- Fokus auf Verbesserung
- Bevor es eskaliert
RETRO-FRAGEN BEI SPANNUNGEN:
- Was läuft gut in unserer Zusammenarbeit?
- Was könnten wir verbessern?
- Was hat mich in letzter Zeit frustriert?
- Was brauche ich vom Team?
Fazit: Konflikt als Chance
Konflikte sind nicht das Problem – wie wir mit ihnen umgehen, ist das Problem.
Konstruktiv gelöste Konflikte:
- Schaffen bessere Lösungen
- Stärken Beziehungen
- Bauen Vertrauen auf
- Fördern Innovation
Die Kernprinzipien:
- Nicht vermeiden: Früh ansprechen
- Verstehen vor Lösen: Perspektiven hören
- Sachlich bleiben: Verhalten, nicht Person
- Win-Win suchen: Gemeinsame Lösungen
- Kultur bauen: Prävention ist besser als Intervention
Deine Challenge:
Denk an einen Konflikt, den du gerade vermeidest. Was hält dich davon ab, ihn anzusprechen? Was ist der erste kleine Schritt?
Mach ihn heute. Warte nicht bis es eskaliert.
Du willst verstehen, wie du schwierige Gespräche führst? Unser Guide zu Konstruktiver Kritik zeigt Techniken für Feedback, das ankommt und wirkt.



