Konstruktive Kritik: So gibst du Feedback, das ankommt und wirkt
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Kommunikation

Konstruktive Kritik: So gibst du Feedback, das ankommt und wirkt

21. Januar 2026
12 min Lesezeit
Jonas Höttler

Konstruktive Kritik: Warum die Art wichtiger ist als der Inhalt

„Du hast das falsch gemacht."

Dieser Satz enthält eine Information: Etwas ist nicht richtig gelaufen. Aber er enthält keine Hilfe. Keine Richtung. Keine Motivation zur Verbesserung.

Konstruktive Kritik ist anders. Sie zeigt nicht nur das Problem – sie zeigt auch den Weg zur Lösung.

Was macht Kritik konstruktiv?

Destruktive vs. Konstruktive Kritik

DestruktivKonstruktiv
Greift die Person anAdressiert das Verhalten
Generalisiert („Du machst immer...")Ist spezifisch („In dieser Situation...")
Fokussiert auf SchuldFokussiert auf Lösung
Öffentlich und beschämendPrivat und respektvoll
Ohne KontextMit Erklärung des Warum
Nur negativAuch Positives anerkennen

Die Anatomie konstruktiver Kritik

KONSTRUKTIVE KRITIK ENTHÄLT:

1. KONTEXT
   Wann und wo ist es passiert?

2. BEOBACHTUNG
   Was genau habe ich wahrgenommen?

3. AUSWIRKUNG
   Welchen Effekt hatte das?

4. ERWARTUNG
   Was wäre besser gewesen?

5. UNTERSTÜTZUNG
   Wie kann ich helfen?

Warum konstruktive Kritik so schwer ist

Das Dilemma

WENN DU KRITIK GIBST:
- Du riskierst die Beziehung
- Du fühlst dich unwohl
- Du weißt nicht, wie der andere reagiert

WENN DU KEINE KRITIK GIBST:
- Das Problem bleibt
- Die Person lernt nicht
- Es eskaliert später

→ Konstruktive Kritik ist der Weg aus dem Dilemma

Die häufigsten Ausreden

„Ich will nicht verletzen" → Schweigen ist nicht netter. Es nimmt die Chance zur Verbesserung.

„Es ist nicht so wichtig" → Wenn es dich stört, ist es wichtig genug.

„Der andere weiß es bestimmt selbst" → Oft nicht. Menschen haben blinde Flecken.

„Ich bin nicht in der Position" → Konstruktive Kritik kann jeder geben, unabhängig von Hierarchie.

Techniken für konstruktive Kritik

Technik 1: Ich-Botschaften

Statt die andere Person anzugreifen, beschreibe deine eigene Wahrnehmung.

DU-BOTSCHAFT (ANGRIFF):
„Du unterbrichst mich ständig."

ICH-BOTSCHAFT (BEOBACHTUNG):
„Mir ist aufgefallen, dass ich in den letzten
Meetings oft nicht ausreden konnte. Das frustriert
mich, weil ich meine Gedanken nicht zu Ende
bringen kann."

Die Formel:

„Ich habe beobachtet/wahrgenommen [Beobachtung]. Das führt bei mir zu [Gefühl/Auswirkung], weil [Grund]."

Technik 2: Spezifisch statt generell

Vermeide Wörter wie „immer", „nie", „ständig", „typisch".

GENERELL (NICHT HILFREICH):
„Du kommst nie pünktlich zu Meetings."

SPEZIFISCH (HILFREICH):
„In den letzten drei Standups bist du 5-10 Minuten
zu spät gekommen. Das unterbricht den Flow und
wir müssen wiederholen."

Technik 3: Verhalten, nicht Charakter

Kritisiere, was jemand tut – nicht, wer jemand ist.

CHARAKTER (ANGRIFF):
„Du bist schlampig."

VERHALTEN (KONSTRUKTIV):
„In diesem PR fehlen Unit Tests für die neuen
Funktionen. Das erhöht das Risiko von Bugs
in Production."

Warum das wichtig ist:

  • Charakter fühlt sich unveränderbar an → Defensive
  • Verhalten ist änderbar → Offenheit

Technik 4: Zukunftsorientiert

Fokussiere auf das, was besser werden soll – nicht auf Vergangenes.

VERGANGENHEIT (BLAME):
„Warum hast du das nicht früher gesagt?"

ZUKUNFT (LÖSUNG):
„Wie können wir sicherstellen, dass solche
Blocker früher sichtbar werden?"

Technik 5: Fragen statt Statements

Fragen laden zur Reflexion ein und vermeiden Defensive.

STATEMENT:
„Das hättest du anders machen sollen."

FRAGE:
„Was denkst du, wie es beim nächsten Mal
besser laufen könnte?"

Starke Fragen:

  • „Wie siehst du die Situation?"
  • „Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?"
  • „Was brauchst du, um das zu verbessern?"
  • „Wie kann ich dich unterstützen?"

Das Kritikgespräch führen

Vorbereitung

VOR DEM GESPRÄCH:

1. KLARHEIT SCHAFFEN
   - Was genau ist das Problem?
   - Was ist das Ziel des Gesprächs?
   - Welches Ergebnis wünsche ich mir?

2. BEISPIELE SAMMELN
   - Konkrete Situationen notieren
   - Fakten, nicht Interpretationen

3. TIMING WÄHLEN
   - Nicht zwischen Tür und Angel
   - Nicht in Stress-Situationen
   - Zeitnah, aber nicht im Affekt

4. SETTING PLANEN
   - Privat, nicht öffentlich
   - Ungestört
   - Augenhöhe (beide sitzen oder stehen)

Ablauf

PHASE 1: ERÖFFNUNG (2 min)
- Positiver Einstieg
- Thema ankündigen
- Rahmen setzen

„Ich schätze unsere Zusammenarbeit und möchte
etwas ansprechen, das mir aufgefallen ist."

PHASE 2: BEOBACHTUNG (3 min)
- Spezifische Situation beschreiben
- Fakten, keine Bewertung
- Ich-Perspektive

„In den letzten zwei Code Reviews habe ich
bemerkt, dass..."

PHASE 3: AUSWIRKUNG (2 min)
- Impact erklären
- Warum es wichtig ist

„Das führt dazu, dass..."

PHASE 4: PERSPEKTIVE EINHOLEN (5 min)
- Zuhören
- Verstehen wollen
- Nicht verteidigen

„Wie siehst du das?"

PHASE 5: LÖSUNG ENTWICKELN (5 min)
- Gemeinsam brainstormen
- Konkrete nächste Schritte
- Unterstützung anbieten

„Was könnte helfen?"

PHASE 6: ABSCHLUSS (2 min)
- Zusammenfassen
- Commitment einholen
- Positiv enden

„Danke, dass du offen dafür warst."

Nach dem Gespräch

1. FOLLOW-UP VEREINBAREN
   - Wann checken wir ein?
   - Wie messen wir Verbesserung?

2. SELBST REFLEKTIEREN
   - Wie ist das Gespräch gelaufen?
   - Was würde ich anders machen?

3. POSITIVES VERSTÄRKEN
   - Wenn Verbesserung eintritt: Anerkennen!
   - Nicht nur kritisieren, auch loben

Konstruktive Kritik in Tech-Situationen

Im Code Review

DESTRUKTIV:
„Das ist schlecht."
„Warum hast du das so gemacht?"
„Falsch."

KONSTRUKTIV:
„Ich sehe, du hast Approach X gewählt. Ich würde
Y vorschlagen, weil [Grund]. Was denkst du?"

„Diese Funktion macht mehrere Dinge. Wenn wir sie
aufteilen, wird sie testbarer. Soll ich dir zeigen,
wie ich das meine?"

„Hier fehlt noch ein Edge Case: Was passiert, wenn
[Situation]? Könntest du das noch abdecken?"

Bei verpassten Deadlines

DESTRUKTIV:
„Du hast schon wieder die Deadline verpasst."

KONSTRUKTIV:
„Das Feature ist nicht fertig geworden. Lass uns
verstehen, was passiert ist. [Zuhören]

Wie können wir das nächste Mal früher erkennen,
wenn es eng wird? Und: Was brauchst du von mir,
damit das nicht wieder passiert?"

Bei Kommunikationsproblemen

DESTRUKTIV:
„Du informierst uns nie rechtzeitig."

KONSTRUKTIV:
„Mir ist aufgefallen, dass ich von dem Blocker
erst im Standup erfahren habe, obwohl er schon
zwei Tage bestand.

Ich verstehe, dass du erstmal selbst versuchen
wolltest, ihn zu lösen. Für die Zukunft würde ich
mir wünschen, dass du nach einem halben Tag
Bescheid gibst – auch wenn du noch dran bist.
Dann können wir zusammen entscheiden, ob wir
Hilfe holen."

Bei Qualitätsproblemen

DESTRUKTIV:
„Dein Code hat zu viele Bugs."

KONSTRUKTIV:
„In den letzten zwei Sprints hatten wir mehrere
Bugs in Features, an denen du gearbeitet hast.
Ich möchte verstehen, woran das liegt.

Ist die Zeit für Testing zu knapp? Fehlt
Klarheit bei den Requirements? Oder gibt es
etwas anderes?

Lass uns gemeinsam schauen, wie wir die Qualität
verbessern können."

Häufige Fehler vermeiden

Fehler 1: Das Sandwich

DAS SANDWICH:
Lob → Kritik → Lob

„Du bist ein toller Entwickler. Aber dein Code
ist unlesbar. Aber du bist echt ein Gewinn
fürs Team."

WARUM ES NICHT FUNKTIONIERT:
- Menschen warten nur auf das „Aber"
- Lob wird unglaubwürdig
- Kritik wird verpackt statt klar

BESSER:
Kritik direkt und respektvoll geben.
Lob separat und echt.

Fehler 2: Aufschub

TYPISCH:
„Das spreche ich im nächsten 1:1 an."
„Nicht jetzt, ist gerade stressig."
„Ich warte auf den richtigen Moment."

RESULTAT:
- Problem eskaliert
- Frustration baut sich auf
- Feedback kommt zu spät

REGEL:
Feedback innerhalb von 48 Stunden.
Der „richtige Moment" ist jetzt.

Fehler 3: Zwischen den Zeilen

TYPISCH:
„Na ja, das ist ja interessant gelöst..."
(Eigentlich: Das ist schlecht)

„Vielleicht könnte man eventuell..."
(Eigentlich: Mach es anders)

WARUM ES NICHT FUNKTIONIERT:
- Botschaft kommt nicht an
- Missverständnisse entstehen
- Du frustrierst dich, weil nichts passiert

BESSER:
Klar und direkt sein.
Höflich ≠ Unklar

Fehler 4: Öffentliche Kritik

NIE:
- Im Meeting vor allen kritisieren
- Im Slack-Channel bloßstellen
- Fehler vor dem Team ansprechen

IMMER:
- Kritik privat
- 1:1 oder persönlich
- Respekt wahren

AUSNAHME:
Verhalten, das im Moment adressiert werden muss
(z.B. Unterbrechungen im Meeting) → Kurz und sachlich

Fehler 5: Ohne Lösung

PROBLEM:
„Das ist nicht gut genug."
(Und dann? Was soll der andere tun?)

BESSER:
„Das ist nicht gut genug, weil [Grund].
Ich würde vorschlagen [konkreter Vorschlag].
Wie siehst du das?"

Kritik empfangen

Konstruktive Kritik zu geben ist nur die halbe Miete. Sie anzunehmen ist genauso wichtig.

Die natürliche Reaktion

WENN WIR KRITIK HÖREN:

1. SCHOCK/ÜBERRASCHUNG
   „Was? Ich?"

2. DEFENSIVE
   „Das stimmt nicht / Ja, aber..."

3. GEGENANGRIFF
   „Du machst das doch auch!"

4. RÜCKZUG
   „Okay, wie du meinst."

KEINE DIESER REAKTIONEN IST HILFREICH.

Eine bessere Reaktion

1. PAUSE
   - Durchatmen
   - Nicht sofort reagieren
   - Emotionen regulieren

2. ZUHÖREN
   - Wirklich verstehen wollen
   - Nicht auf Gegenargumente warten
   - Nachfragen wenn unklar

3. DANKEN
   - „Danke für das Feedback"
   - Ernst gemeint
   - Feedback geben ist schwer

4. REFLEKTIEREN
   - Nicht sofort urteilen
   - Sacken lassen
   - Was könnte dran sein?

5. HANDELN
   - Was nehme ich an?
   - Was ändere ich?
   - Was brauche ich dafür?

Nachfragen bei Kritik

HILFREICHE FRAGEN:

„Kannst du mir ein Beispiel geben?"
„Was wäre aus deiner Sicht besser gewesen?"
„Wie sähe es aus, wenn ich das gut mache?"
„Was sollte ich konkret anders machen?"
„Wie würdest du das priorisieren?"

Eine Feedback-Kultur aufbauen

Als Leader

1. VORLEBEN
   - Selbst konstruktive Kritik geben
   - Selbst Feedback einfordern
   - Öffentlich Fehler zugeben

2. PSYCHOLOGISCHE SICHERHEIT
   - Fehler als Lernchance
   - Keine Bestrafung für Ehrlichkeit
   - [Psychological Safety](/de/blog/psychological-safety-tech-teams) aufbauen

3. NORMALISIEREN
   - „Ich habe Feedback für dich" als normale Phrase
   - Regelmäßig, nicht nur bei Problemen
   - In beide Richtungen

Im Team

RITUALE:
- Code Review Guidelines mit Feedback-Standards
- Retro mit explizitem Feedback-Teil
- Peer-Feedback normalisieren

SPRACHE:
- „Konstruktive Kritik" statt „Kritik"
- „Feedback" statt „Beschwerde"
- „Lernchance" statt „Fehler"

Fazit: Kritik als Geschenk

Konstruktive Kritik zu geben bedeutet, Zeit und emotionale Energie zu investieren, um jemand anderem zu helfen, besser zu werden.

Das ist ein Geschenk – wenn es richtig verpackt ist.

Die Kernprinzipien:

  1. Verhalten, nicht Person: Was jemand tut, nicht wer jemand ist
  2. Spezifisch, nicht generell: Konkrete Beispiele, keine Verallgemeinerungen
  3. Zukunft, nicht Vergangenheit: Fokus auf Verbesserung
  4. Privat, nicht öffentlich: Respekt wahren
  5. Mit Lösung, nicht nur Problem: Weg zur Verbesserung zeigen

Deine Challenge:

Denk an eine Kritik, die du schon länger aufschiebst. Formuliere sie nach den Prinzipien in diesem Artikel. Führe das Gespräch diese Woche.

Die andere Person wird es dir danken – vielleicht nicht sofort, aber langfristig.


Du willst mehr über effektives Feedback lernen? Unser umfassender Guide zu Feedback geben zeigt weitere Frameworks und Techniken für verschiedene Situationen.

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