Bücher — was ich lese und was ich darüber denke.
Ich schreibe das hier nicht, um dir ein Buch zu empfehlen. Über die Psychologie des Geldes von Morgan Housel war der Anstoß, aber was mich seitdem nicht loslässt, ist eine größere Frage: Warum fällt man oft genau dann am härtesten, wenn man es eigentlich geschafft hat? Und warum gilt das nicht nur für einzelne Menschen, sondern für ganze Familien und ganze Gesellschaften?
Die Einzelnen
Housels Buch ist voll von Leuten, die längst gewonnen hatten. Jesse Livermore verdiente 1929 an einem einzigen Tag das heutige Äquivalent von drei Milliarden Dollar — und war ein paar Jahre später pleite, weil er sich nach dem Triumph unbesiegbar fühlte und immer größer setzte. Rajat Gupta, McKinsey-Chef mit hundert Millionen, wollte auch noch Milliardär werden und landete wegen Insiderhandels im Gefängnis. Beide waren keine Anfänger. Sie waren erfolgreicher als fast jeder um sie herum — und genau das war das Problem. Der Erfolg selbst hat ihnen das Gefühl gegeben, dass weiterer Erfolg garantiert sei.
Die Familien
Das Interessante ist, dass dasselbe Muster über Generationen läuft, ganz ohne Crash. Es gibt dafür eine alte Faustregel: Erwerben, vererben, verderben. Die erste Generation baut auf, die zweite verwaltet, die dritte verliert. Thomas Mann hat daraus mit den Buddenbrooks einen ganzen Roman gemacht — der Niedergang einer Kaufmannsfamilie über vier Generationen, in der die wachsende Verfeinerung genau den harten Geschäftsinstinkt auffrisst, der den Wohlstand überhaupt erst geschaffen hat.
Das ist für mich der Kern: Es ist nicht der Misserfolg, der gefährlich wird, sondern der zu lange anhaltende Erfolg. Wer für etwas kämpfen musste, weiß, wie schnell es weg sein kann. Wer es nur geerbt hat — Geld, Status, eine funktionierende Firma —, hält es für selbstverständlich. Und Selbstverständlichkeit ist der Anfang vom Ende.
Die Gesellschaften
Und dann frage ich mich, ob das nicht im ganz Großen genauso läuft. Der Politologe Francis Fukuyama schrieb 1989, mit dem Sieg der liberalen Demokratie sei so etwas wie das „Ende der Geschichte“ erreicht — die endgültige Staatsform, ab jetzt nur noch Verwaltung. Kritiker nannten das schon damals eine erstaunliche Selbstgefälligkeit. Wir haben Geld, die großen Kriege schienen vorbei, niemand muss sich mehr die Hände schmutzig machen. Genau dieses Gefühl, angekommen zu sein, ist die kollektive Version von Livermores „dickem Kopf“.
Man muss nur schauen, wie schnell das alte Rom, das ewig schien, am Ende auseinanderfiel. Und auch im Kleinen sehe ich es: Wir rufen hierzulande eine Exzellenzinitiative nach der anderen aus und bescheinigen uns, wie gut wir sind — während die Produkte teuer werden und immer weniger Leute begeistern. Das ist kein Einzelproblem, sondern dasselbe Muster: vergangenen Erfolg mit einer Garantie für die Zukunft zu verwechseln.
Warum ich das aufschreibe
Nicht, weil ich eine Lösung hätte. Sondern weil das Fiese an diesem Muster ist, dass man es von innen nicht spürt. Niedergang fühlt sich eine ganze Weile genau wie Stabilität an — bis er es plötzlich nicht mehr tut. Das Einzige, was hilft, ist, ab und zu ehrlich zu fragen: Trägt mich gerade meine eigene Leistung, oder nur ein Schwung, den andere vor mir aufgebaut haben, und ein Vorsprung, der gerade schmilzt?
Ich hab darauf keine fertige Antwort. Aber die Frage auszuhalten, gerade wenn es gut läuft, finde ich ehrlicher, als auf den nächsten Titel zu warten.
Verwandt
Hintergrund: Die Einzelfälle aus Morgan Housel, „The Psychology of Money“ (Harriman House 2020); zu Livermore Housels Essay. Die 30/12/3-Faustregel geht auf eine US-Studie der 1980er zurück und wird kritisch eingeordnet. Fukuyamas These: „The End of History“. Der Rest sind meine Gedanken.



