Aktives Zuhören: Die unterschätzte Superkraft für Tech-Leader
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Kommunikation

Aktives Zuhören: Die unterschätzte Superkraft für Tech-Leader

21. Januar 2026
14 min Lesezeit
Jonas Höttler

Aktives Zuhören: Warum die besten Kommunikatoren weniger reden

„Das größte Kommunikationsproblem ist, dass wir zuhören, um zu antworten – nicht um zu verstehen."

Diese Beobachtung trifft den Kern. In Tech-Teams, wo komplexe Probleme gelöst werden müssen, ist echtes Verstehen der Schlüssel. Und das beginnt mit aktivem Zuhören.

Was ist aktives Zuhören?

Aktives Zuhören ist eine Kommunikationstechnik, bei der du dich vollständig auf den Sprechenden konzentrierst, um wirklich zu verstehen, was gemeint ist – nicht nur, was gesagt wird.

Die drei Ebenen des Zuhörens

Ebene 1: Internes Zuhören

  • Fokus auf eigene Gedanken
  • „Was antworte ich gleich?"
  • „Das kenne ich, mir ist das auch passiert"
  • Hören, um zu reagieren

Ebene 2: Fokussiertes Zuhören

  • Aufmerksamkeit auf den Sprechenden
  • Inhalt wird verstanden
  • Aber: Kontext und Emotionen werden übersehen

Ebene 3: Globales Zuhören (Aktives Zuhören)

  • Volle Präsenz
  • Worte + Tonfall + Körpersprache
  • Emotionen und unausgesprochene Bedeutungen
  • Verstehen des ganzen Menschen

Der Unterschied

Passives ZuhörenAktives Zuhören
Warten bis der andere fertig istPräsent sein während der andere spricht
Auf Stichworte reagierenDas Gesamtbild verstehen
Eigene Antwort vorbereitenVerstehen wollen
MultitaskingVolle Aufmerksamkeit
UrteilenNeugierig sein

Warum aktives Zuhören in Tech so wichtig ist

1. Anforderungen verstehen

Stakeholder: „Wir brauchen das Feature schneller."

PASSIV GEHÖRT:
→ „Er will, dass wir schneller arbeiten"
→ Druck, Stress, möglicherweise Qualitätsverlust

AKTIV GEHÖRT:
→ „Was meint er mit ‚schneller'? Die Entwicklung? Das Laden?"
→ Nachfrage: „Kannst du mir mehr dazu sagen? Was ist das
   eigentliche Problem?"
→ Ergebnis: Das Feature ist fertig, aber die Ladezeit zu lang.
   Lösung: Performance-Optimierung, nicht schnelleres Coding.

2. Bugs und Probleme diagnostizieren

User: „Die App funktioniert nicht."

PASSIV GEHÖRT:
→ „Irgendwas ist kaputt"
→ Stundenlange Fehlersuche ohne Richtung

AKTIV GEHÖRT:
→ Nachfragen: „Was genau passiert? Was hast du erwartet?
   Was ist stattdessen passiert? Wann tritt es auf?"
→ Ergebnis: Spezifisches Reproduktionsszenario in 5 Minuten

3. Team-Dynamiken erkennen

Im Standup sagt jemand: „Läuft alles."

PASSIV GEHÖRT:
→ Abhaken, nächster

AKTIV GEHÖRT:
→ Tonfall bemerken: klingt das überzeugt?
→ Körpersprache: Blickkontakt? Offene Haltung?
→ Kontext: War gestern ein schwieriger Tag?
→ Ggf. nachfassen: „Alles klar? Du wirkst etwas anders heute."

Die HEAR-Technik

Ein Framework für aktives Zuhören:

H – Halt (Innehalten)

Was: Alles andere stoppen. Laptop zu. Handy weg. Gedanken parken.

Warum: Du kannst nicht zuhören, wenn du gleichzeitig etwas anderes tust. Multitasking beim Zuhören ist ein Mythos.

Übung:

  • Bevor jemand spricht: Einen Atemzug nehmen
  • Bewusst entscheiden: „Jetzt höre ich zu"
  • Körper dem Sprechenden zuwenden

E – Engage (Engagieren)

Was: Zeige, dass du zuhörst. Verbal und nonverbal.

Nonverbal:

  • Blickkontakt (nicht starren)
  • Nicken
  • Offene Körperhaltung
  • Sich leicht nach vorne lehnen

Verbal:

  • „Mhm", „Ja", „Ich verstehe"
  • Kurze Bestätigungen, keine Unterbrechungen

A – Anticipate (Antizipieren)

Was: Versuche zu verstehen, was hinter den Worten liegt.

Fragen an dich selbst:

  • Was fühlt diese Person?
  • Was braucht sie wirklich?
  • Was sagt sie nicht?
  • Warum erzählt sie mir das?

R – Replay (Wiedergeben)

Was: Spiegle zurück, was du verstanden hast.

Techniken:

  • Paraphrasieren: „Wenn ich dich richtig verstehe..."
  • Zusammenfassen: „Also zusammengefasst..."
  • Nachfragen: „Meinst du damit, dass...?"

Praktische Techniken

1. Paraphrasieren

Zweck: Zeigen, dass du verstanden hast. Missverständnisse aufdecken.

Formel:

„Wenn ich dich richtig verstehe, [Zusammenfassung in eigenen Worten]. Stimmt das?"

Beispiel:

Kollege: „Das Deployment gestern war ein Desaster.
         Nichts hat funktioniert, und dann war der
         Server auch noch down."

Paraphrase: „Du sagst, das Deployment hatte mehrere
            Probleme – sowohl auf Anwendungs- als auch
            auf Infrastruktur-Ebene?"

Kollege: „Ja genau. Und das Schlimmste war, dass
         niemand erreichbar war."

→ Jetzt hast du verstanden, dass das eigentliche
  Problem die fehlende Unterstützung war.

2. Offene Fragen stellen

Zweck: Mehr erfahren. Tieferes Verständnis.

Geschlossene Frage: „Hat das funktioniert?" Offene Frage: „Wie ist es gelaufen?"

Gute offene Fragen:

  • „Erzähl mir mehr darüber."
  • „Wie hast du das erlebt?"
  • „Was meinst du mit...?"
  • „Was wäre für dich ideal?"
  • „Wie kann ich helfen?"

3. Emotionen benennen

Zweck: Zeigen, dass du nicht nur den Inhalt, sondern auch die Gefühle verstehst.

Formel:

„Das klingt [Emotion]. Stimmt das?"

Beispiel:

Entwickler: „Ich hab das Feature jetzt zum dritten
            Mal umgeschrieben, weil die Anforderungen
            sich ständig ändern."

Response: „Das klingt frustrierend."

Entwickler: „Ja, total. Ich weiß nicht mehr, wofür
            ich überhaupt arbeite."

→ Jetzt verstehst du: Es geht nicht nur um die Arbeit,
  sondern um fehlendes Purpose-Gefühl.

4. Stille aushalten

Zweck: Raum geben. Menschen brauchen Zeit zum Denken.

Problem: Wir füllen Stille sofort mit eigenen Worten.

Übung:

  • Nach einer Aussage: 3 Sekunden warten
  • Nicht sofort antworten
  • Der andere wird oft von selbst weitersprechen

Beispiel:

Du: „Wie geht es dir mit dem Projekt?"
Kollege: „Gut, denke ich."
[3 Sekunden Stille]
Kollege: „Naja, eigentlich... ich bin mir nicht sicher,
         ob ich das schaffe."

→ Die echte Antwort kommt nach der Stille.

5. Nicht unterbrechen

Problem: Wir unterbrechen, weil wir:

  • Schon wissen, was kommt
  • Unsere Idee teilen wollen
  • Ungeduldig sind

Regel: Lass den anderen ausreden. Immer.

Wenn du wirklich unterbrechen musst:

„Entschuldige, dass ich unterbreche – ich möchte sichergehen, dass ich das richtig verstehe. Du sagst..."

Aktives Zuhören in typischen Tech-Situationen

Im 1:1-Gespräch

STRUKTUR:
1. Eröffnung: „Wie geht's dir?"
2. Zuhören (70% der Zeit)
3. Nachfragen und Paraphrasieren
4. Erst dann: Eigene Punkte

VERMEIDEN:
- Eigene Agenda durchdrücken
- Sofort Lösungen anbieten
- Das Gespräch dominieren

Im Code Review

VORHER (passiv):
„Das ist falsch. Mach es so: [Code]"

NACHHER (aktiv):
„Ich sehe, du hast dich für [Ansatz] entschieden.
Erzähl mir mehr über deinen Gedankengang."
[Zuhören]
„Interessant. Hast du auch [Alternative] in Betracht gezogen?
Ich frage, weil [Grund]."

In Meetings

TECHNIKEN:
- Notizen machen (zeigt Aufmerksamkeit)
- Zusammenfassen: „Lass mich zusammenfassen, was ich bisher
  gehört habe..."
- Nachfragen: „[Name], du warst vorhin still –
  was denkst du dazu?"
- Bridge: „Das knüpft an [vorherige Aussage] an..."

Bei Konflikten

ANSATZ:
1. Beide Seiten einzeln anhören
2. Paraphrasieren, was jeder gesagt hat
3. Nachfragen, bis du verstehst
4. Erst dann: Gemeinsam Lösungen suchen

NIEMALS:
- Sofort Position beziehen
- Eine Seite unterbrechen
- Eigene Interpretation als Fakt darstellen

In Remote-Meetings

HERAUSFORDERUNGEN:
- Keine Körpersprache
- Leichter abgelenkt
- Technische Probleme

LÖSUNGEN:
- Kamera an
- Chat für kurze Bestätigungen nutzen
- Expliziter zusammenfassen
- „Ich höre, dass..." häufiger verwenden

Häufige Fehler beim Zuhören

1. Lösungsmodus

Problem: Sofort Lösungen anbieten, bevor das Problem verstanden ist.

FALSCH:
Kollege: „Ich komme mit dem Task nicht weiter."
Du: „Hast du schon X versucht? Oder Y? Oder Z?"

RICHTIG:
Du: „Erzähl mal, wo genau hängst du?"
[Zuhören]
Du: „Okay, also das Problem ist [Paraphrase]?"
[Bestätigung]
Du: „Willst du gemeinsam brainstormen, oder
    brauchst du eher jemanden zum Zuhören?"

2. Autobiographisches Zuhören

Problem: Alles auf eigene Erfahrungen beziehen.

FALSCH:
Kollege: „Ich hatte einen stressigen Sprint."
Du: „Oh ja, letzten Monat hatte ich auch so einen.
    Da war es so, dass... [5 Minuten über sich selbst]"

RICHTIG:
Du: „Klingt anstrengend. Was war besonders stressig?"

3. Bewertung

Problem: Sofort urteilen statt verstehen.

FALSCH:
Kollege: „Ich hab am Wochenende gearbeitet."
Du: „Das solltest du nicht tun." (Bewertung)

RICHTIG:
Du: „Wie kam's dazu?" (Verständnis)

4. Vorwegnehmen

Problem: Den Satz des anderen beenden.

FALSCH:
Kollege: „Ich denke, wir sollten..."
Du: „...das Meeting absagen? Ja, finde ich auch!"

RICHTIG:
[Warten bis der andere fertig ist]

Aktives Zuhören trainieren

Tägliche Übung: Das 5-Minuten-Gespräch

  1. Wähle ein Gespräch am Tag
  2. Setze dir das Ziel: 5 Minuten nur zuhören
  3. Keine Unterbrechung, keine Lösung
  4. Nur: Verstehen und Nachfragen

Wöchentliche Reflexion

Frage dich jeden Freitag:

  • Bei welchem Gespräch habe ich gut zugehört?
  • Bei welchem nicht?
  • Was hat mich abgelenkt?
  • Was nehme ich mir für nächste Woche vor?

Feedback einholen

Frage Vertrauenspersonen:

  • „Fühlst du dich von mir gehört?"
  • „Was könnte ich beim Zuhören besser machen?"
  • „Wann habe ich dich zuletzt unterbrochen?"

Der ROI von aktivem Zuhören

SituationOhne aktives ZuhörenMit aktivem Zuhören
RequirementsMissverständnisse, NacharbeitKlare Anforderungen beim ersten Mal
DebuggingStundenlange FehlersucheGezielte Fragen führen schnell zum Problem
KonflikteEskalation, FrustVerständnis, Lösung
1:1sOberflächlich, verschwendete ZeitTiefes Verständnis, Vertrauen
Team-KulturJeder redet, niemand hörtEchte Kommunikation

Fazit: Zuhören als Leadership-Skill

Aktives Zuhören ist keine passive Tätigkeit – es ist harte Arbeit. Es erfordert:

  • Volle Aufmerksamkeit
  • Ego zurückstellen
  • Geduld
  • Übung

Aber es ist einer der höchsten Hebel, die du als Tech-Leader hast. Teams, in denen zugehört wird, sind Teams mit psychologischer Sicherheit. Und das ist der Grundstein für alles andere.

Die Herausforderung für diese Woche:

Führe ein Gespräch, in dem du:

  1. Nicht unterbrichst
  2. Mindestens dreimal paraphrasierst
  3. Mehr fragst als erzählst

Du wirst überrascht sein, was du lernst – über das Thema und über dich selbst.


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