Aktives Zuhören: Warum die besten Kommunikatoren weniger reden
„Das größte Kommunikationsproblem ist, dass wir zuhören, um zu antworten – nicht um zu verstehen."
Diese Beobachtung trifft den Kern. In Tech-Teams, wo komplexe Probleme gelöst werden müssen, ist echtes Verstehen der Schlüssel. Und das beginnt mit aktivem Zuhören.
Was ist aktives Zuhören?
Aktives Zuhören ist eine Kommunikationstechnik, bei der du dich vollständig auf den Sprechenden konzentrierst, um wirklich zu verstehen, was gemeint ist – nicht nur, was gesagt wird.
Die drei Ebenen des Zuhörens
Ebene 1: Internes Zuhören
- Fokus auf eigene Gedanken
- „Was antworte ich gleich?"
- „Das kenne ich, mir ist das auch passiert"
- Hören, um zu reagieren
Ebene 2: Fokussiertes Zuhören
- Aufmerksamkeit auf den Sprechenden
- Inhalt wird verstanden
- Aber: Kontext und Emotionen werden übersehen
Ebene 3: Globales Zuhören (Aktives Zuhören)
- Volle Präsenz
- Worte + Tonfall + Körpersprache
- Emotionen und unausgesprochene Bedeutungen
- Verstehen des ganzen Menschen
Der Unterschied
| Passives Zuhören | Aktives Zuhören |
|---|---|
| Warten bis der andere fertig ist | Präsent sein während der andere spricht |
| Auf Stichworte reagieren | Das Gesamtbild verstehen |
| Eigene Antwort vorbereiten | Verstehen wollen |
| Multitasking | Volle Aufmerksamkeit |
| Urteilen | Neugierig sein |
Warum aktives Zuhören in Tech so wichtig ist
1. Anforderungen verstehen
Stakeholder: „Wir brauchen das Feature schneller."
PASSIV GEHÖRT:
→ „Er will, dass wir schneller arbeiten"
→ Druck, Stress, möglicherweise Qualitätsverlust
AKTIV GEHÖRT:
→ „Was meint er mit ‚schneller'? Die Entwicklung? Das Laden?"
→ Nachfrage: „Kannst du mir mehr dazu sagen? Was ist das
eigentliche Problem?"
→ Ergebnis: Das Feature ist fertig, aber die Ladezeit zu lang.
Lösung: Performance-Optimierung, nicht schnelleres Coding.
2. Bugs und Probleme diagnostizieren
User: „Die App funktioniert nicht."
PASSIV GEHÖRT:
→ „Irgendwas ist kaputt"
→ Stundenlange Fehlersuche ohne Richtung
AKTIV GEHÖRT:
→ Nachfragen: „Was genau passiert? Was hast du erwartet?
Was ist stattdessen passiert? Wann tritt es auf?"
→ Ergebnis: Spezifisches Reproduktionsszenario in 5 Minuten
3. Team-Dynamiken erkennen
Im Standup sagt jemand: „Läuft alles."
PASSIV GEHÖRT:
→ Abhaken, nächster
AKTIV GEHÖRT:
→ Tonfall bemerken: klingt das überzeugt?
→ Körpersprache: Blickkontakt? Offene Haltung?
→ Kontext: War gestern ein schwieriger Tag?
→ Ggf. nachfassen: „Alles klar? Du wirkst etwas anders heute."
Die HEAR-Technik
Ein Framework für aktives Zuhören:
H – Halt (Innehalten)
Was: Alles andere stoppen. Laptop zu. Handy weg. Gedanken parken.
Warum: Du kannst nicht zuhören, wenn du gleichzeitig etwas anderes tust. Multitasking beim Zuhören ist ein Mythos.
Übung:
- Bevor jemand spricht: Einen Atemzug nehmen
- Bewusst entscheiden: „Jetzt höre ich zu"
- Körper dem Sprechenden zuwenden
E – Engage (Engagieren)
Was: Zeige, dass du zuhörst. Verbal und nonverbal.
Nonverbal:
- Blickkontakt (nicht starren)
- Nicken
- Offene Körperhaltung
- Sich leicht nach vorne lehnen
Verbal:
- „Mhm", „Ja", „Ich verstehe"
- Kurze Bestätigungen, keine Unterbrechungen
A – Anticipate (Antizipieren)
Was: Versuche zu verstehen, was hinter den Worten liegt.
Fragen an dich selbst:
- Was fühlt diese Person?
- Was braucht sie wirklich?
- Was sagt sie nicht?
- Warum erzählt sie mir das?
R – Replay (Wiedergeben)
Was: Spiegle zurück, was du verstanden hast.
Techniken:
- Paraphrasieren: „Wenn ich dich richtig verstehe..."
- Zusammenfassen: „Also zusammengefasst..."
- Nachfragen: „Meinst du damit, dass...?"
Praktische Techniken
1. Paraphrasieren
Zweck: Zeigen, dass du verstanden hast. Missverständnisse aufdecken.
Formel:
„Wenn ich dich richtig verstehe, [Zusammenfassung in eigenen Worten]. Stimmt das?"
Beispiel:
Kollege: „Das Deployment gestern war ein Desaster.
Nichts hat funktioniert, und dann war der
Server auch noch down."
Paraphrase: „Du sagst, das Deployment hatte mehrere
Probleme – sowohl auf Anwendungs- als auch
auf Infrastruktur-Ebene?"
Kollege: „Ja genau. Und das Schlimmste war, dass
niemand erreichbar war."
→ Jetzt hast du verstanden, dass das eigentliche
Problem die fehlende Unterstützung war.
2. Offene Fragen stellen
Zweck: Mehr erfahren. Tieferes Verständnis.
Geschlossene Frage: „Hat das funktioniert?" Offene Frage: „Wie ist es gelaufen?"
Gute offene Fragen:
- „Erzähl mir mehr darüber."
- „Wie hast du das erlebt?"
- „Was meinst du mit...?"
- „Was wäre für dich ideal?"
- „Wie kann ich helfen?"
3. Emotionen benennen
Zweck: Zeigen, dass du nicht nur den Inhalt, sondern auch die Gefühle verstehst.
Formel:
„Das klingt [Emotion]. Stimmt das?"
Beispiel:
Entwickler: „Ich hab das Feature jetzt zum dritten
Mal umgeschrieben, weil die Anforderungen
sich ständig ändern."
Response: „Das klingt frustrierend."
Entwickler: „Ja, total. Ich weiß nicht mehr, wofür
ich überhaupt arbeite."
→ Jetzt verstehst du: Es geht nicht nur um die Arbeit,
sondern um fehlendes Purpose-Gefühl.
4. Stille aushalten
Zweck: Raum geben. Menschen brauchen Zeit zum Denken.
Problem: Wir füllen Stille sofort mit eigenen Worten.
Übung:
- Nach einer Aussage: 3 Sekunden warten
- Nicht sofort antworten
- Der andere wird oft von selbst weitersprechen
Beispiel:
Du: „Wie geht es dir mit dem Projekt?"
Kollege: „Gut, denke ich."
[3 Sekunden Stille]
Kollege: „Naja, eigentlich... ich bin mir nicht sicher,
ob ich das schaffe."
→ Die echte Antwort kommt nach der Stille.
5. Nicht unterbrechen
Problem: Wir unterbrechen, weil wir:
- Schon wissen, was kommt
- Unsere Idee teilen wollen
- Ungeduldig sind
Regel: Lass den anderen ausreden. Immer.
Wenn du wirklich unterbrechen musst:
„Entschuldige, dass ich unterbreche – ich möchte sichergehen, dass ich das richtig verstehe. Du sagst..."
Aktives Zuhören in typischen Tech-Situationen
Im 1:1-Gespräch
STRUKTUR:
1. Eröffnung: „Wie geht's dir?"
2. Zuhören (70% der Zeit)
3. Nachfragen und Paraphrasieren
4. Erst dann: Eigene Punkte
VERMEIDEN:
- Eigene Agenda durchdrücken
- Sofort Lösungen anbieten
- Das Gespräch dominieren
Im Code Review
VORHER (passiv):
„Das ist falsch. Mach es so: [Code]"
NACHHER (aktiv):
„Ich sehe, du hast dich für [Ansatz] entschieden.
Erzähl mir mehr über deinen Gedankengang."
[Zuhören]
„Interessant. Hast du auch [Alternative] in Betracht gezogen?
Ich frage, weil [Grund]."
In Meetings
TECHNIKEN:
- Notizen machen (zeigt Aufmerksamkeit)
- Zusammenfassen: „Lass mich zusammenfassen, was ich bisher
gehört habe..."
- Nachfragen: „[Name], du warst vorhin still –
was denkst du dazu?"
- Bridge: „Das knüpft an [vorherige Aussage] an..."
Bei Konflikten
ANSATZ:
1. Beide Seiten einzeln anhören
2. Paraphrasieren, was jeder gesagt hat
3. Nachfragen, bis du verstehst
4. Erst dann: Gemeinsam Lösungen suchen
NIEMALS:
- Sofort Position beziehen
- Eine Seite unterbrechen
- Eigene Interpretation als Fakt darstellen
In Remote-Meetings
HERAUSFORDERUNGEN:
- Keine Körpersprache
- Leichter abgelenkt
- Technische Probleme
LÖSUNGEN:
- Kamera an
- Chat für kurze Bestätigungen nutzen
- Expliziter zusammenfassen
- „Ich höre, dass..." häufiger verwenden
Häufige Fehler beim Zuhören
1. Lösungsmodus
Problem: Sofort Lösungen anbieten, bevor das Problem verstanden ist.
FALSCH:
Kollege: „Ich komme mit dem Task nicht weiter."
Du: „Hast du schon X versucht? Oder Y? Oder Z?"
RICHTIG:
Du: „Erzähl mal, wo genau hängst du?"
[Zuhören]
Du: „Okay, also das Problem ist [Paraphrase]?"
[Bestätigung]
Du: „Willst du gemeinsam brainstormen, oder
brauchst du eher jemanden zum Zuhören?"
2. Autobiographisches Zuhören
Problem: Alles auf eigene Erfahrungen beziehen.
FALSCH:
Kollege: „Ich hatte einen stressigen Sprint."
Du: „Oh ja, letzten Monat hatte ich auch so einen.
Da war es so, dass... [5 Minuten über sich selbst]"
RICHTIG:
Du: „Klingt anstrengend. Was war besonders stressig?"
3. Bewertung
Problem: Sofort urteilen statt verstehen.
FALSCH:
Kollege: „Ich hab am Wochenende gearbeitet."
Du: „Das solltest du nicht tun." (Bewertung)
RICHTIG:
Du: „Wie kam's dazu?" (Verständnis)
4. Vorwegnehmen
Problem: Den Satz des anderen beenden.
FALSCH:
Kollege: „Ich denke, wir sollten..."
Du: „...das Meeting absagen? Ja, finde ich auch!"
RICHTIG:
[Warten bis der andere fertig ist]
Aktives Zuhören trainieren
Tägliche Übung: Das 5-Minuten-Gespräch
- Wähle ein Gespräch am Tag
- Setze dir das Ziel: 5 Minuten nur zuhören
- Keine Unterbrechung, keine Lösung
- Nur: Verstehen und Nachfragen
Wöchentliche Reflexion
Frage dich jeden Freitag:
- Bei welchem Gespräch habe ich gut zugehört?
- Bei welchem nicht?
- Was hat mich abgelenkt?
- Was nehme ich mir für nächste Woche vor?
Feedback einholen
Frage Vertrauenspersonen:
- „Fühlst du dich von mir gehört?"
- „Was könnte ich beim Zuhören besser machen?"
- „Wann habe ich dich zuletzt unterbrochen?"
Der ROI von aktivem Zuhören
| Situation | Ohne aktives Zuhören | Mit aktivem Zuhören |
|---|---|---|
| Requirements | Missverständnisse, Nacharbeit | Klare Anforderungen beim ersten Mal |
| Debugging | Stundenlange Fehlersuche | Gezielte Fragen führen schnell zum Problem |
| Konflikte | Eskalation, Frust | Verständnis, Lösung |
| 1:1s | Oberflächlich, verschwendete Zeit | Tiefes Verständnis, Vertrauen |
| Team-Kultur | Jeder redet, niemand hört | Echte Kommunikation |
Fazit: Zuhören als Leadership-Skill
Aktives Zuhören ist keine passive Tätigkeit – es ist harte Arbeit. Es erfordert:
- Volle Aufmerksamkeit
- Ego zurückstellen
- Geduld
- Übung
Aber es ist einer der höchsten Hebel, die du als Tech-Leader hast. Teams, in denen zugehört wird, sind Teams mit psychologischer Sicherheit. Und das ist der Grundstein für alles andere.
Die Herausforderung für diese Woche:
Führe ein Gespräch, in dem du:
- Nicht unterbrichst
- Mindestens dreimal paraphrasierst
- Mehr fragst als erzählst
Du wirst überrascht sein, was du lernst – über das Thema und über dich selbst.
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