Psychological Safety: Warum Googles wichtigste Entdeckung dein Team transformieren kann
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Leadership & Teams

Psychological Safety: Warum Googles wichtigste Entdeckung dein Team transformieren kann

21. Januar 2026
16 min Lesezeit
Jonas Höttler

Psychological Safety: Der geheime Faktor hinter Googles besten Teams

2012 startete Google ein Forschungsprojekt namens „Project Aristotle". Das Ziel: Herausfinden, was erfolgreiche Teams von weniger erfolgreichen unterscheidet. Die Antwort überraschte alle.

Es war nicht Talent. Nicht Erfahrung. Nicht Intelligenz.

Es war psychologische Sicherheit.

Was ist Psychological Safety?

Psychologische Sicherheit ist das gemeinsame Gefühl in einem Team, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen.

Definition nach Amy Edmondson (Harvard):

„Psychological Safety ist die Überzeugung, dass man nicht bestraft oder gedemütigt wird, wenn man Ideen, Fragen, Bedenken oder Fehler äußert."

Was es bedeutet

In psychologisch sicheren Teams können Menschen:

  • Fragen stellen, ohne dumm zu wirken
  • Fehler zugeben, ohne Angst vor Konsequenzen
  • Ideen äußern, ohne ausgelacht zu werden
  • Bedenken ansprechen, ohne als negativ zu gelten
  • Risiken eingehen, ohne bei Scheitern bestraft zu werden

Verwandt: Mangelnde psychologische Sicherheit verstärkt das Impostor Syndrom – das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben.

Was es NICHT bedeutet

  • Nicht: Alle sind immer nett zueinander
  • Nicht: Keine Kritik oder hohen Standards
  • Nicht: Kuschelkultur ohne Accountability
  • Nicht: Jeder bekommt, was er will

Psychologische Sicherheit + hohe Standards = Hochleistung

Google's Project Aristotle

Die Forschung

Google analysierte 180 Teams über 2 Jahre. Sie untersuchten:

  • Teamzusammensetzung (Persönlichkeiten, Skills, Backgrounds)
  • Teamdynamiken (Kommunikation, Meetings, Entscheidungen)
  • Teamperformance (Zielerreichung, Innovation, Zufriedenheit)

Die überraschenden Ergebnisse

Was NICHT entscheidend war:

  • Wer im Team ist (individuelle Performance)
  • Wie lange das Team zusammenarbeitet
  • Größe des Teams
  • Räumliche Nähe
  • Konsens bei Entscheidungen

Was ENTSCHEIDEND war (in dieser Reihenfolge):

RangFaktorBeschreibung
1Psychological SafetyKann ich Risiken eingehen, ohne mich unsicher zu fühlen?
2DependabilityKann ich mich auf meine Teammitglieder verlassen?
3Structure & ClaritySind Ziele, Rollen und Pläne klar?
4MeaningIst die Arbeit persönlich bedeutsam?
5ImpactGlauben wir, dass unsere Arbeit wichtig ist?

Psychological Safety war mit Abstand der wichtigste Faktor.

Warum Psychological Safety in Tech so wichtig ist

Die besonderen Herausforderungen in Tech

1. Komplexität erfordert Fragen

Ohne Psychological Safety:
- Junior fragt nicht nach, versteht Code nicht
- Baut auf falschem Verständnis auf
- Bug wird erst in Produktion entdeckt

Mit Psychological Safety:
- Junior fragt: "Kann mir jemand das erklären?"
- Versteht Konzept richtig
- Baut korrekte Lösung

2. Innovation erfordert Risiko

Ohne Psychological Safety:
- "Das ist eine dumme Idee" → Idee wird nicht geteilt
- Team macht weiter wie bisher
- Innovation bleibt aus

Mit Psychological Safety:
- "Was wenn wir...?" → Idee wird diskutiert
- Vielleicht funktioniert es, vielleicht nicht
- Aber: Team lernt und innoviert

3. Qualität erfordert Feedback

Ohne Psychological Safety:
- Code Review: "Das ist schlecht" (defensiv)
- Oder: Keine ehrliche Kritik aus Angst
- Code-Qualität leidet

Mit Psychological Safety:
- Code Review: "Hier ist eine Alternative..." (konstruktiv)
- Offener Austausch
- Code-Qualität steigt

4. Bugs erfordern Offenheit

Ohne Psychological Safety:
- Bug wird versteckt/vertuscht
- Eskaliert in Produktion
- Blame Game startet

Mit Psychological Safety:
- Bug wird sofort gemeldet
- Team fixt gemeinsam
- Retrospektive ohne Schuldzuweisungen

Der Business Case

MetrikTeams mit niedriger PSTeams mit hoher PS
FluktuationHöherNiedriger (-50%)
InnovationWeniger neue IdeenMehr Experimente
QualitätMehr versteckte BugsFrühere Fehlererkennung
GeschwindigkeitLangsamer (Angst vor Fehlern)Schneller (Mut zu Risiken)
EngagementNiedrigHoch (+27%)

Die 4 Stufen der Psychological Safety

Nach Timothy R. Clark gibt es eine Hierarchie der psychologischen Sicherheit:

Stufe 1: Inclusion Safety

Frage: Gehöre ich dazu?

Symptome bei Fehlen:

  • Außenseiter im Team
  • Cliquen und Ausgrenzung
  • "Die vs. Wir"-Denken

Aufbau:

  • Aktives Einbeziehen aller
  • Onboarding mit persönlicher Note
  • Diverse Teams bewusst inkludieren

Stufe 2: Learner Safety

Frage: Kann ich lernen und Fehler machen?

Symptome bei Fehlen:

  • Niemand stellt Fragen
  • Fehler werden versteckt
  • Keine Experimente

Aufbau:

  • Fragen normalisieren ("Es gibt keine dummen Fragen")
  • Eigene Fehler als Leader teilen
  • Lernen über Wissen stellen

Stufe 3: Contributor Safety

Frage: Kann ich einen Beitrag leisten?

Symptome bei Fehlen:

  • Nur wenige sprechen in Meetings
  • Ideen werden nicht geteilt
  • "Das entscheidet der Chef"

Aufbau:

  • Aktiv nach Input fragen
  • Beiträge wertschätzen
  • Autonomie ermöglichen

Stufe 4: Challenger Safety

Frage: Kann ich den Status Quo herausfordern?

Symptome bei Fehlen:

  • Niemand widerspricht
  • "Das haben wir immer so gemacht"
  • Kritik = Karriererisiko

Aufbau:

  • Dissens einfordern
  • Kritik belohnen
  • Red Team / Devil's Advocate institutionalisieren

Psychological Safety messen

Team-Assessment (anonym, 1-5 Skala)

  1. Wenn ich in diesem Team einen Fehler mache, wird er mir nicht vorgehalten
  2. Die Mitglieder dieses Teams können Probleme und schwierige Themen ansprechen
  3. Menschen in diesem Team lehnen andere nicht ab, weil sie anders sind
  4. Es ist sicher, in diesem Team ein Risiko einzugehen
  5. Es ist nicht schwer, andere Teammitglieder um Hilfe zu bitten
  6. Niemand in diesem Team würde absichtlich meine Bemühungen untergraben
  7. Meine einzigartigen Fähigkeiten und Talente werden in diesem Team geschätzt und genutzt

Auswertung:

  • 28-35: Hohe Psychological Safety
  • 21-27: Mittlere Psychological Safety
  • 14-20: Niedrige Psychological Safety
  • 7-13: Kritisch niedrig

Beobachtbare Indikatoren

Hohe Psychological SafetyNiedrige Psychological Safety
Alle sprechen in MeetingsNur 1-2 Personen dominieren
Fragen werden gestelltStille bei "Noch Fragen?"
Fehler werden offen besprochenSchuldzuweisungen
Widerspruch ist normalAlle stimmen immer zu
Ideen kommen von überallIdeen nur von Seniorität
"Ich weiß nicht" wird gesagtNiemand gibt Unwissen zu

Psychological Safety aufbauen

Für Führungskräfte

1. Modelliere Verletzlichkeit

MÄCHTIG:
"Ich habe einen Fehler gemacht bei..."
"Ich weiß die Antwort nicht."
"Ich brauche Hilfe mit..."

WARUM ES FUNKTIONIERT:
Wenn der Leader verletzlich sein kann,
ist es sicher für alle.

2. Reagiere positiv auf Risiken

Jemand bringt eine Idee, die nicht funktioniert:

FALSCH:
"Das wird nie funktionieren."

RICHTIG:
"Danke, dass du das geteilt hast. Was war
dein Gedanke dahinter? Was können wir
daraus mitnehmen?"

3. Frage aktiv nach Input

NICHT: "Hat noch jemand was?"
(Suggeriert: Meeting soll enden)

BESSER: "[Name], was denkst du dazu?"
(Direkte Einladung, zeigt Wertschätzung)

4. Handle bei Verletzungen sofort

Jemand macht jemanden runter:

NICHT AKZEPTABEL: Schweigend ignorieren

NOTWENDIG: "Das ist nicht die Art, wie wir
hier kommunizieren. [Name], wie hast du
das gemeint? [Betroffene/r], wie fühlst
du dich dabei?"

5. Trenne Person von Problem

SCHLECHT:
"Du hast einen Bug eingebaut."

BESSER:
"Es gibt einen Bug im Code. Wie können
wir den zusammen fixen und verhindern,
dass sowas wieder passiert?"

Für Teams

1. Retrospektiven richtig nutzen

  • Vegas-Regel: Was hier besprochen wird, bleibt hier
  • Keine Schuldzuweisungen, nur Lernen
  • "Was" statt "Wer"

2. Pair Programming / Mob Programming

  • Normalisiert Fragen und Lernen
  • Zeigt: Niemand weiß alles
  • Baut Beziehungen auf

3. Blameless Post-Mortems

STRUKTUR:
1. Was ist passiert? (Timeline)
2. Was haben wir gelernt?
3. Was ändern wir?

EXPLIZIT VERBOTEN:
- Persönliche Schuldzuweisungen
- "Wer hat...?"
- Konsequenzen für Individuen

4. Failure Fridays / Fuck-Up Nights

  • Regelmäßiges Teilen von Fehlern
  • Macht Scheitern normal
  • Lernen steht im Fokus

Für Individuen

1. Sei der Erste

  • Stelle die "dumme" Frage
  • Gib den Fehler zu
  • Teile die unausgegorene Idee

2. Reagiere unterstützend

  • Wenn andere Risiken eingehen: Wertschätzung zeigen
  • "Gute Frage!" (und meine es ernst)
  • Fehler anderer nicht ausnutzen

3. Sprich es an

  • Wenn du dich unsicher fühlst: Kommuniziere es
  • "Ich habe das Gefühl, dass..."
  • Werde Teil der Lösung

Häufige Hindernisse

"Aber wir brauchen doch Accountability!"

Psychological Safety und Accountability sind nicht widersprüchlich:

Niedrige PS + Niedrige StandardsNiedrige PS + Hohe Standards
"Comfort Zone""Anxiety Zone"
Nett, aber mittelmäßigAngst, Burnout
Hohe PS + Niedrige StandardsHohe PS + Hohe Standards
"Apathy Zone""Learning Zone" ✓
Nett, aber faulHochleistung

Das Ziel: Hohe Psychological Safety UND hohe Standards.

"Mein Chef ist das Problem"

Strategien für schwierige Vorgesetzte:

  1. Im eigenen Team anfangen – Du kannst PS in deinem Einflussbereich aufbauen
  2. Mit Ergebnissen überzeugen – Zeige den Business Value
  3. Verbündete finden – Andere Führungskräfte, HR
  4. Eskalation abwägen – Wenn toxisch, ggf. Konsequenzen ziehen

"Das dauert zu lange"

Psychological Safety braucht Zeit – aber es gibt Quick Wins:

  • Erste Retrospektive mit klaren Regeln
  • Leader teilt ersten Fehler
  • Eine Frage im Meeting, die sonst ungestellt bliebe

Psychological Safety und Remote Work

Besondere Herausforderungen

  • Keine Körpersprache sichtbar
  • Stummgeschaltete Mikros = Stille
  • Asynchrone Kommunikation = Missverständnisse
  • Isolation = weniger Zugehörigkeit

Lösungsansätze

1. Kamera an (wenn möglich)

  • Zeigt Präsenz und Aufmerksamkeit
  • Ermöglicht nonverbale Kommunikation

2. Check-ins institutionalisieren

Jedes Meeting beginnt mit:
"Wie geht es euch heute?" (1 Wort oder 1 Satz)

3. Psychologisch sichere Channels

  • #random für Nicht-Arbeit
  • #help für Fragen ohne Scham
  • #wins UND #fails für beide Seiten

4. Virtuelle Coffee Chats

  • Zufällige 1:1s für Beziehungsaufbau
  • Tools wie Donut für Slack

Fazit: Der Multiplikator-Effekt

Psychological Safety ist kein Nice-to-have – es ist der Multiplikator für alles andere:

  • Talent × Psychological Safety = genutztes Talent
  • Prozesse × Psychological Safety = gelebte Prozesse
  • Tools × Psychological Safety = effektiv genutzte Tools
  • Strategie × Psychological Safety = umgesetzte Strategie

Ohne Psychological Safety bleibt Potenzial ungenutzt. Mit ihr wird aus einer Gruppe von Individuen ein echtes Team.

Die eine Frage, die du dir stellen solltest:

Fühlen sich die Menschen in meinem Team sicher genug, um ihr Bestes zu geben – oder halten sie zurück?

Wenn du dir nicht sicher bist, frag sie. Das wäre schon ein erster Schritt.


Du willst verstehen, wie du als Führungskraft psychologische Sicherheit schaffst? Unser Guide zu Servant Leadership zeigt einen Führungsstil, der Vertrauen in den Mittelpunkt stellt.

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