Impostor Syndrom überwinden: Warum sich die Besten oft als Betrüger fühlen
Du sitzt im Meeting, alle nicken zu deiner Präsentation – und du denkst: „Gleich merken sie, dass ich keine Ahnung habe." Du bekommst eine Beförderung und fragst dich: „Warum ich? Die anderen sind viel besser." Du löst ein komplexes Problem und denkst: „Das war nur Glück."
Willkommen im Club. Du erlebst das Impostor Syndrom – und du bist damit in bester Gesellschaft.
Was ist das Impostor Syndrom?
Das Impostor Syndrom (auch Hochstapler-Syndrom) beschreibt das anhaltende Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben. Betroffene sind überzeugt, dass sie andere über ihre wahren Fähigkeiten täuschen – und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie „entlarvt" werden.
Die Fakten
- 70% aller Menschen erleben mindestens einmal im Leben Impostor-Gefühle
- 58% der Tech-Mitarbeiter berichten von regelmäßigen Impostor-Erfahrungen
- Das Syndrom betrifft alle Karrierestufen – vom Junior bis zum CEO
- Es wurde erstmals 1978 von den Psychologinnen Clance und Imes beschrieben
- Es ist keine offizielle Diagnose, aber ein anerkanntes psychologisches Phänomen
Was es NICHT ist
Das Impostor Syndrom ist nicht:
- Bescheidenheit – Es geht nicht darum, Lob abzuwehren, sondern um echte Selbstzweifel
- Realistische Selbsteinschätzung – Betroffene unterschätzen sich systematisch
- Fishing for Compliments – Die Zweifel sind echt und oft quälend
- Ein Zeichen von Inkompetenz – Eher das Gegenteil: Kompetente zweifeln mehr
Warum ist das Impostor Syndrom in Tech so verbreitet?
Die Tech-Branche ist ein perfekter Nährboden für Impostor-Gefühle:
1. Ständiger Wandel
Technologie heute → Veraltet morgen
React → React Hooks → Server Components → ???
REST → GraphQL → tRPC → ???
Monolith → Microservices → Serverless → ???
Niemand kann alles wissen. Aber das Gefühl, „hinterherzuhinken", ist allgegenwärtig.
2. Sichtbare Kompetenz anderer
- GitHub-Profile mit tausenden Contributions
- Twitter-Threads von „10x Engineers"
- Konferenz-Speaker, die alles zu wissen scheinen
- Kollegen, die scheinbar mühelos komplexe Probleme lösen
Was du nicht siehst: Deren Kämpfe, Fehler, Google-Suchen und Selbstzweifel.
3. Die Kultur des „Genius Mythos"
Tech glorifiziert den einsamen Genius – Zuckerberg in der Garage, Jobs als Visionär. Die Realität: Erfolg ist immer Teamarbeit, Timing und ja, auch Glück.
4. Objektive Leistungsmessung
Code funktioniert oder nicht. Tests sind grün oder rot. Diese Schwarz-Weiß-Bewertung verstärkt das Gefühl: „Entweder ich kann es, oder ich bin ein Betrüger."
5. Schnelle Karrierewege
In Tech kannst du mit 25 ein Team leiten. Das ist großartig – aber auch überwältigend. „Bin ich wirklich bereit dafür?" ist eine natürliche Frage.
Die 5 Impostor-Typen nach Dr. Valerie Young
Dr. Valerie Young identifizierte fünf Typen, die unterschiedlich mit dem Syndrom umgehen:
1. Der Perfektionist
Denkmuster: „Wenn es nicht perfekt ist, ist es ein Versagen."
Symptome:
- Setzt unrealistisch hohe Standards
- Fokussiert auf die 2%, die nicht perfekt waren
- Kann Erfolge nicht feiern
- Prokrastiniert aus Angst vor Fehlern
Typischer Gedanke: „Der Code funktioniert, aber er könnte eleganter sein. Ich bin kein guter Entwickler."
2. Der Experte
Denkmuster: „Ich muss alles wissen, bevor ich mich kompetent fühlen darf."
Symptome:
- Endloses Lernen ohne Anwendung
- Angst, Fragen zu stellen
- Bewirbt sich nur auf Jobs, bei denen 100% der Anforderungen erfüllt sind
- Fühlt sich als Betrüger, wenn eine Wissenslücke auftaucht
Typischer Gedanke: „Ich kenne mich nicht mit Kubernetes aus. Ich bin kein echter DevOps-Engineer."
3. Das Natürliche Genie
Denkmuster: „Wenn ich mich anstrengen muss, bin ich nicht gut genug."
Symptome:
- Vermeidet Herausforderungen, bei denen Scheitern möglich ist
- Frustriert, wenn etwas nicht sofort klappt
- Hält Anstrengung für ein Zeichen von Schwäche
- Unterschätzt, wie viel andere arbeiten
Typischer Gedanke: „Ich habe drei Stunden an diesem Bug gesessen. Echte Entwickler hätten das in Minuten gelöst."
4. Der Solist
Denkmuster: „Wenn ich Hilfe brauche, bin ich nicht kompetent."
Symptome:
- Lehnt Zusammenarbeit ab
- Fragt nicht nach Hilfe
- Arbeitet lieber länger allein als im Team schneller
- Sieht Teamarbeit als Schwäche
Typischer Gedanke: „Ich musste Stack Overflow benutzen. Ein echter Programmierer hätte das selbst gewusst."
5. Der Superheld
Denkmuster: „Ich muss in allem der/die Beste sein."
Symptome:
- Arbeitet exzessiv viel
- Vernachlässigt Privatleben
- Kann nicht Nein sagen
- Misst Selbstwert an Produktivität
Typischer Gedanke: „Meine Kollegin hat das Projekt schneller fertig. Ich muss noch mehr arbeiten."
Selbsttest: Hast du das Impostor Syndrom?
Beantworte ehrlich (0 = nie, 1 = selten, 2 = manchmal, 3 = oft, 4 = immer):
- Ich führe meinen Erfolg auf Glück oder Timing zurück, nicht auf meine Fähigkeiten
- Ich habe Angst, dass andere herausfinden, dass ich nicht so kompetent bin, wie sie denken
- Ich spiele meine Erfolge herunter oder finde Gründe, warum sie „nicht zählen"
- Ich erinnere mich mehr an Fehler als an Erfolge
- Ich fühle mich unwohl, wenn ich gelobt werde
- Ich vergleiche mich mit anderen und schneide dabei immer schlechter ab
- Ich habe das Gefühl, meine Position nicht verdient zu haben
- Ich bereite mich übermäßig vor, aus Angst „aufzufliegen"
- Ich unterschätze systematisch meine Fähigkeiten
- Ich denke, dass andere viel mehr wissen als ich
Auswertung:
- 0-10: Geringe Impostor-Tendenzen
- 11-20: Moderate Impostor-Tendenzen
- 21-30: Starke Impostor-Tendenzen
- 31-40: Sehr starke Impostor-Tendenzen – Unterstützung könnte helfen
Die Ursachen verstehen
Familiäre Prägung
- Übermäßiges Lob: „Du bist so schlau!" → Angst, dieses Bild zu zerstören
- Bedingte Liebe: Anerkennung nur bei Leistung → Selbstwert = Leistung
- Vergleich mit Geschwistern: „Warum kannst du nicht wie dein Bruder sein?"
- Hohe Erwartungen: Perfektionismus als Überlebensstrategie
Soziale Faktoren
- Unterrepräsentierte Gruppen erleben das Syndrom häufiger
- Erste Generation in einem Berufsfeld (z.B. erste in der Familie im Tech)
- Quereinsteiger ohne „klassischen" Werdegang
- Neue Rollen (Beförderung, Jobwechsel, erste Führungsposition)
Kognitive Verzerrungen
| Verzerrung | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Spotlight-Effekt | Glauben, dass andere uns mehr beobachten als sie es tun | „Alle haben meinen Fehler im Meeting bemerkt" |
| Confirmation Bias | Nur Beweise suchen, die unsere Überzeugung bestätigen | Kritik merken, Lob vergessen |
| Discounting | Positives entwerten | „Das Projekt war erfolgreich, aber nur weil das Team gut war" |
| Attribution Error | Eigene Erfolge external, Misserfolge internal attribuieren | Erfolg = Glück, Fehler = Ich bin schlecht |
12 Strategien zur Überwindung
Strategie 1: Erfolgs-Tagebuch führen
Dokumentiere täglich 3 Dinge:
- Was habe ich heute gut gemacht?
- Welches positive Feedback habe ich erhalten?
- Welches Problem habe ich gelöst?
Warum es funktioniert: Du schaffst Gegenbeweise zu deinen negativen Überzeugungen.
Strategie 2: Den inneren Kritiker benennen
Gib deinem inneren Kritiker einen Namen – z.B. „Der Skeptiker" oder „Bernd der Zweifler".
Wenn er spricht:
- „Oh, da ist wieder Bernd."
- „Danke für deine Meinung, Bernd, aber ich höre jetzt nicht zu."
Warum es funktioniert: Distanz schafft Objektivität.
Strategie 3: Fakten sammeln
Wenn du denkst „Ich kann das nicht", frage:
- Welche Beweise gibt es dafür?
- Welche Beweise gibt es dagegen?
- Was würde ein neutraler Beobachter sagen?
Beispiel:
Gedanke: „Ich bin kein guter Entwickler"
Beweise dafür:
- Ich hatte letzte Woche einen Bug
Beweise dagegen:
- Ich habe 5 Features erfolgreich deployed
- Mein Code Review war positiv
- Ich wurde für das komplexe Projekt ausgewählt
- Meine Kollegen fragen mich um Rat
Fazit: Die Beweise sprechen gegen meinen Gedanken
Strategie 4: Normalisieren durch Gespräche
Sprich mit anderen über deine Selbstzweifel. Du wirst feststellen:
- Die meisten erfolgreichen Menschen kennen das Gefühl
- Du bist nicht allein
- Andere sehen dich ganz anders als du dich selbst
Strategie 5: Reframe „Fake it till you make it"
Statt dich als Betrüger zu sehen, der so tut als ob:
Alt: „Ich tue so, als wüsste ich, was ich tue."
Neu: „Ich lerne, indem ich es tue. Das ist normal."
Niemand ist vom ersten Tag an kompetent. Lernen ist kein Betrug.
Strategie 6: Die 70%-Regel
Du musst nicht 100% kompetent sein, um einen Job zu machen. 70% reichen, um zu starten – den Rest lernst du unterwegs.
Für Bewerbungen: Wenn du 70% der Anforderungen erfüllst, bewirb dich.
Für Projekte: Wenn du 70% verstehst, starte. Der Rest kommt.
Strategie 7: Mentoring geben
Nichts zeigt dir deine Kompetenz besser, als anderen zu helfen.
- Erkläre einem Junior ein Konzept
- Schreibe einen Blog-Post über etwas, das du gelernt hast
- Beantworte Fragen auf Stack Overflow
Warum es funktioniert: Du siehst, wie viel du tatsächlich weißt.
Strategie 8: Den Vergleich stoppen
Du vergleichst dein Inneres mit dem Äußeren anderer.
Du siehst: Ihren polierten Code auf GitHub Du siehst nicht: Ihre 47 Versuche davor
Tipp: Folge Menschen, die auch über ihre Struggles sprechen.
Strategie 9: Erfolge internalisieren
Wenn etwas gut läuft, frage dich:
- Was habe ich dazu beigetragen?
- Welche meiner Fähigkeiten waren wichtig?
- Warum hat das Team mich ausgewählt?
Übung: Schreibe nach jedem Erfolg auf, welche deiner Eigenschaften dazu beigetragen haben.
Strategie 10: Die Angst akzeptieren
Du wirst das Impostor-Gefühl vielleicht nie ganz los – und das ist okay.
Ziel: Trotz der Gefühle handeln, nicht auf die Abwesenheit der Gefühle warten.
Mantra: „Ich fühle mich unsicher UND ich mache es trotzdem."
Strategie 11: Professionelle Hilfe
Wenn das Syndrom dein Leben stark beeinträchtigt:
- Coaching für berufliche Aspekte
- Therapie (besonders kognitiv-behaviorale Therapie) für tiefere Muster
- Keine Scham – das ist professionelle Selbstfürsorge
Strategie 12: Die Umgebung gestalten
- Suche Arbeitsumgebungen mit psychologischer Sicherheit
- Meide toxische Vergleichskultur
- Umgib dich mit Menschen, die dich aufbauen
- Fordere konstruktives Feedback aktiv ein
Was tun, wenn es akut wird?
In dem Moment, wenn die Impostor-Gedanken überwältigen:
Die 5-4-3-2-1-Technik
Grounding durch die Sinne:
- 5 Dinge, die du siehst
- 4 Dinge, die du hörst
- 3 Dinge, die du fühlst
- 2 Dinge, die du riechst
- 1 Ding, das du schmeckst
Die „Und wenn?"-Technik
Spiele das Worst-Case-Szenario durch:
- „Und wenn sie merken, dass ich nicht alles weiß?" → Dann frage ich nach und lerne.
- „Und wenn das Projekt scheitert?" → Dann lerne ich daraus und mache es beim nächsten Mal besser.
- „Und wenn ich den Job verliere?" → Dann finde ich einen neuen.
Meistens ist das Worst Case gar nicht so schlimm.
Der Realitätscheck
Frage eine Vertrauensperson: „Wie nimmst du meine Arbeit wahr?"
Die Antwort wird dich wahrscheinlich überraschen.
Impostor Syndrom vs. Dunning-Kruger-Effekt
Ein interessanter Kontrast:
| Impostor Syndrom | Dunning-Kruger |
|---|---|
| Kompetent, fühlt sich inkompetent | Inkompetent, fühlt sich kompetent |
| Unterschätzt eigene Fähigkeiten | Überschätzt eigene Fähigkeiten |
| Sieht nur Wissenslücken | Sieht Wissenslücken nicht |
| Häufig bei Experten | Häufig bei Anfängern |
Die Ironie: Dass du dich fragst, ob du gut genug bist, ist ein Zeichen dafür, dass du wahrscheinlich besser bist als du denkst.
Für Führungskräfte: Impostor Syndrom im Team erkennen
Warnsignale
- Mitarbeiter spielen Erfolge herunter
- Übermäßige Vorbereitung für einfache Aufgaben
- Vermeidung von Sichtbarkeit (keine Präsentationen, keine Wortmeldungen)
- Arbeiten deutlich unter dem Kompetenzniveau
- Ablehnung von Beförderungen oder neuen Herausforderungen
Was du tun kannst
- Normalisiere Fehler: Sprich über deine eigenen Selbstzweifel
- Spezifisches Lob: „Du hast X gut gemacht weil Y" statt nur „Gut gemacht"
- Psychologische Sicherheit schaffen: Fehler sind okay
- Stärken spiegeln: Sag Menschen regelmäßig, was sie gut können
- Stretch-Assignments: Zeige Vertrauen durch anspruchsvolle Aufgaben
Fazit: Das Impostor Syndrom als Zeichen von Wachstum
Das Impostor Syndrom ist unangenehm – aber es hat auch eine positive Seite:
- Es zeigt, dass du dich in neuen Territorien bewegst
- Es zeigt, dass du hohe Standards hast
- Es zeigt, dass du selbstreflektiert bist
- Es zeigt, dass du lernfähig bist
Die erfolgreichsten Menschen, die ich kenne, haben alle Impostor-Gefühle. Der Unterschied: Sie lassen sich davon nicht stoppen.
Dein nächster Schritt:
- Erkenne: Das Gefühl ist normal
- Akzeptiere: Es wird vielleicht nie ganz verschwinden
- Handle: Trotz der Gefühle, nicht wegen ihrer Abwesenheit
Du bist kein Hochstapler. Du bist jemand, der wächst.
Kämpfst du mit Selbstzweifeln in einer Führungsrolle? Unser Artikel über Servant Leadership zeigt einen Führungsstil, der auf Authentizität statt Perfektion setzt.



