Prioritäten setzen: Frameworks für Tech-Leader, die nicht alles schaffen können
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Produktivität

Prioritäten setzen: Frameworks für Tech-Leader, die nicht alles schaffen können

21. Januar 2026
13 min Lesezeit
Jonas Höttler

Prioritäten setzen: Warum „Alles ist wichtig" bedeutet, dass nichts wichtig ist

„Das ist alles top priority."

Wenn du diesen Satz hörst (oder sagst), hast du ein Problem. Denn wenn alles Priorität hat, hat nichts Priorität.

Priorisieren bedeutet nicht, zu entscheiden was wichtig ist. Es bedeutet, zu entscheiden was wichtiger ist als etwas anderes – und das Andere nicht zu tun.

Grundlage: Gute Priorisierung braucht klare Ziele. Lies dazu unseren Guide zu SMART-Zielen.

Warum Prioritäten setzen so schwer ist

Das Dilemma

REALITÄT:
- Mehr Aufgaben als Zeit
- Jeder Stakeholder hält sein Thema für das wichtigste
- Alles klingt vernünftig und sinnvoll
- FOMO: Was wenn wir das Falsche weglassen?

RESULTAT OHNE PRIORISIERUNG:
- Alles wird angefangen, nichts wird fertig
- Ständiger Kontext-Wechsel
- Stress und Überlastung
- Am Ende: Weniger geschafft als möglich

Die Kosten von fehlender Priorisierung

Ohne PriorisierungMit Priorisierung
10 Dinge zu 30% fertig3 Dinge zu 100% fertig
Ständige KontextwechselDeep Work möglich
Burnout-RisikoNachhaltige Performance
Reaktiv auf allesProaktiv auf das Richtige
Unzufriedene StakeholderKlare Erwartungen

Framework 1: Die Eisenhower-Matrix

Das klassischste Framework für persönliche und Team-Priorisierung.

                    DRINGEND           NICHT DRINGEND
              ┌─────────────────┬─────────────────────┐
   WICHTIG    │      DO         │       DECIDE        │
              │   (Sofort)      │     (Terminieren)   │
              │                 │                     │
              │ - Prod Incident │ - Strategie-Arbeit  │
              │ - Deadline heute│ - Team-Entwicklung  │
              │ - Kritischer Bug│ - Tech Debt         │
              ├─────────────────┼─────────────────────┤
   NICHT      │    DELEGATE     │       DELETE        │
   WICHTIG    │  (Weitergeben)  │     (Streichen)     │
              │                 │                     │
              │ - Status-Mails  │ - Unnötige Meetings │
              │ - Routine-Tasks │ - Nice-to-haves     │
              │ - Einfache Fragen│ - Perfektionismus  │
              └─────────────────┴─────────────────────┘

So nutzt du die Matrix

DO (Wichtig + Dringend):

  • Sofort erledigen
  • Nicht delegieren
  • Das sind echte Prioritäten

DECIDE (Wichtig + Nicht Dringend):

  • Festen Termin setzen
  • Hier liegt der langfristige Hebel
  • Diese Quadrant wird oft vernachlässigt

DELEGATE (Nicht Wichtig + Dringend):

  • Weitergeben wenn möglich
  • Schnell erledigen wenn selbst
  • Nicht zu viel Zeit investieren

DELETE (Nicht Wichtig + Nicht Dringend):

  • Streichen
  • Nein sagen
  • Nicht auf „irgendwann" verschieben

Der häufigste Fehler

PROBLEM:
Die meisten Menschen verbringen zu viel Zeit
in „Dringend" (DO + DELEGATE) und zu wenig
in „Wichtig aber nicht Dringend" (DECIDE).

BEISPIEL:
- E-Mails beantworten (dringend, nicht wichtig) ✓
- Strategie für nächstes Quartal (wichtig, nicht dringend) ✗

RESULTAT:
Immer beschäftigt, aber nie am Wichtigen.
Feuerwehr-Modus statt Gestaltung.

Framework 2: RICE Scoring

RICE ist perfekt für Produkt- und Feature-Priorisierung.

Die Formel

RICE Score = (Reach × Impact × Confidence) / Effort

R - REACH:     Wie viele Menschen/Nutzer betrifft es?
I - IMPACT:    Wie stark ist der Effekt? (0.25, 0.5, 1, 2, 3)
C - CONFIDENCE: Wie sicher sind wir? (0-100%)
E - EFFORT:    Wie viel Aufwand? (Person-Wochen)

Beispiel

FEATURE A: Neuer Onboarding-Flow
- Reach: 1000 neue Nutzer/Monat
- Impact: 2 (hoch)
- Confidence: 80%
- Effort: 4 Wochen

Score = (1000 × 2 × 0.8) / 4 = 400

FEATURE B: Dark Mode
- Reach: 5000 aktive Nutzer
- Impact: 0.5 (minimal)
- Confidence: 100%
- Effort: 2 Wochen

Score = (5000 × 0.5 × 1.0) / 2 = 1250

→ Obwohl Dark Mode weniger Impact hat,
  hat es einen höheren RICE Score wegen
  Reach und geringerem Effort.

Impact-Skala

3.0 = Massiver Impact (Game Changer)
2.0 = Hoher Impact
1.0 = Mittlerer Impact
0.5 = Niedriger Impact
0.25 = Minimaler Impact

Vorteile von RICE

  1. Objektiv: Zahlen statt Bauchgefühl
  2. Vergleichbar: Verschiedene Features auf einer Skala
  3. Diskussions-Grundlage: Stakeholder können Annahmen challengen
  4. Dokumentiert: Entscheidungen sind nachvollziehbar

Framework 3: MoSCoW

MoSCoW ist ideal für Scope-Entscheidungen und Roadmap-Planung.

M - MUST HAVE:    Ohne das geht gar nichts
S - SHOULD HAVE:  Wichtig, aber workaround möglich
C - COULD HAVE:   Nice to have
W - WON'T HAVE:   Explizit nicht (diesmal)

Beispiel: MVP für neues Feature

MUST HAVE:
- User kann sich einloggen
- Kernfunktionalität X funktioniert
- Daten werden gespeichert

SHOULD HAVE:
- Password Reset
- Email-Benachrichtigungen
- Bessere Fehlermeldungen

COULD HAVE:
- Dark Mode
- Export-Funktion
- Social Login

WON'T HAVE (this release):
- Multi-Language
- Offline-Modus
- Admin-Dashboard

Die Macht von „Won't Have"

WARUM „WON'T" SO WICHTIG IST:

1. KLARHEIT
   Alle wissen, was NICHT kommt.

2. SCHUTZ
   Scope Creep wird verhindert.

3. FOKUS
   Team kann sich auf Must/Should konzentrieren.

4. ERWARTUNGSMANAGEMENT
   Stakeholder sind nicht überrascht.

Framework 4: Value vs. Effort Matrix

Einfache 2x2 für schnelle Priorisierung.

                    NIEDRIGER EFFORT    HOHER EFFORT
              ┌──────────────────┬──────────────────┐
   HOHER      │    QUICK WINS    │   BIG BETS       │
   VALUE      │   (Sofort!)      │  (Planen)        │
              │                  │                  │
              │ "Low hanging     │ "Strategische    │
              │  fruit"          │  Investitionen"  │
              ├──────────────────┼──────────────────┤
   NIEDRIGER  │    FILL-INS      │   MONEY PITS     │
   VALUE      │  (Wenn Zeit)     │  (Vermeiden!)    │
              │                  │                  │
              │ "Nice to have,   │ "Warum machen    │
              │  easy to do"     │  wir das?"       │
              └──────────────────┴──────────────────┘

Die Reihenfolge

  1. Quick Wins: Zuerst – schnelle Erfolge, Momentum
  2. Big Bets: Dann – langfristiger Hebel
  3. Fill-Ins: Zwischendurch – wenn Kapazität da ist
  4. Money Pits: Nie – kosten mehr als sie bringen

Framework 5: ICE Scoring

Schneller als RICE, gut für schnelle Entscheidungen.

ICE Score = Impact × Confidence × Ease

I - IMPACT:     1-10 (wie groß ist der Effekt?)
C - CONFIDENCE: 1-10 (wie sicher sind wir?)
E - EASE:       1-10 (wie einfach ist es?)

Score = I × C × E (max 1000)

Beispiel

TASK A: Caching implementieren
- Impact: 8
- Confidence: 7
- Ease: 5
Score: 8 × 7 × 5 = 280

TASK B: Button-Farbe ändern
- Impact: 2
- Confidence: 9
- Ease: 10
Score: 2 × 9 × 10 = 180

→ Caching hat höheren Score trotz
  niedrigerer Ease, weil Impact > alles

Priorisierung im Tech-Alltag

Sprint Planning

PROZESS:

1. BACKLOG DURCHGEHEN
   - Was ist da?
   - Grob einschätzen

2. FRAMEWORK ANWENDEN
   - Value/Effort für alle Items
   - MoSCoW für den Sprint

3. KAPAZITÄT CHECKEN
   - Was passt rein?
   - Buffer für Unvorhergesehenes (20%)

4. COMMITMENT
   - Must Haves müssen rein
   - Should Haves je nach Kapazität
   - Could Haves = Bonus

WICHTIG:
Sprint Commitment = Must + Should
Nicht: „Wir schaffen alles"

Roadmap-Planung

QUARTALSWEISE:

1. THEMES DEFINIEREN
   - Was sind die 2-3 großen Themen?
   - Alignment mit Business-Zielen

2. FEATURES PRIORISIEREN
   - RICE für alle Kandidaten
   - Ranking erstellen

3. SEQUENZIERUNG
   - Abhängigkeiten beachten
   - Quick Wins früh
   - Big Bets planen

4. KOMMUNIZIEREN
   - Roadmap ist ein Plan, kein Versprechen
   - Regelmäßig reviewen

Tägliche Priorisierung

MORGEN-ROUTINE (5 min):

1. TOP 3
   - Was sind die 3 wichtigsten Dinge heute?
   - Wenn nur EINES davon geht – welches?

2. EISENHOWER CHECK
   - Ist mein Tag im richtigen Quadranten?
   - Was kann ich delegieren/streichen?

3. ZEIT BLOCKEN
   - Wann mache ich die Top 3?
   - Kalender schützen

ABEND-ROUTINE (2 min):
- Was habe ich geschafft?
- Was verschiebe ich auf morgen?

Nein sagen lernen

Warum Nein sagen schwer ist

ÄNGSTE:
- Ich enttäusche andere
- Ich verpasse eine Chance
- Ich wirke unkooperativ
- Ich bin nicht mehr wichtig

RESULTAT:
- Zu viel auf dem Teller
- Nichts richtig gemacht
- Burnout

Wie du konstruktiv Nein sagst

Technik 1: Das „Ja, wenn..."

STATT:
„Nein, das geht nicht."

BESSER:
„Ja, ich kann das machen – wenn wir
[anderes Projekt] verschieben.
Was hat Priorität?"

Technik 2: Das „Nicht jetzt"

„Das ist ein guter Punkt. Aktuell fokussieren
wir auf X. Können wir das für Q3 einplanen?"

Technik 3: Das „Wer sonst?"

„Ich bin nicht die richtige Person dafür.
Hast du schon mit [Name] gesprochen?"

Technik 4: Das transparente Nein

„Ich muss nein sagen, weil meine Kapazität
aktuell bei [Projekt X] ist. Wenn ich das
dazunehme, leidet [konkrete Konsequenz]."

Nein sagen als Leader

ALS LEADER MUSST DU AUCH FÜR DEIN TEAM NEIN SAGEN:

„Das Team kann das Feature nicht übernehmen.
Wir sind committed zu [Sprint-Ziel].

Option A: Wir planen es für nächsten Sprint.
Option B: Wir ziehen etwas anderes raus.

Was macht Sinn?"

Häufige Priorisierungs-Fehler

Fehler 1: Alles ist P1

PROBLEM:
„Alles ist top priority"
= Keine Priorisierung
= Chaos

LÖSUNG:
Force Ranking: Wenn du nur EINES machen
könntest – welches?
Dann: Welches als zweites?
Usw.

Fehler 2: Der laute Stakeholder gewinnt

PROBLEM:
Wer am meisten Druck macht, bekommt
seine Features/Aufgaben priorisiert.

LÖSUNG:
- Transparente Priorisierungs-Kriterien
- Scoring-System (RICE/ICE)
- Alle Stakeholder sehen das Ranking
- Diskussion basiert auf Kriterien, nicht Lautstärke

Fehler 3: Sunk Cost

PROBLEM:
„Wir haben schon 3 Monate investiert,
also müssen wir weitermachen."

REALITÄT:
Die investierte Zeit ist weg.
Die Frage ist: Ist es die NÄCHSTE Stunde wert?

LÖSUNG:
Regelmäßig bewerten: Würden wir das HEUTE
starten? Wenn nein → stoppen.

Fehler 4: Dringendes verdrängt Wichtiges

PROBLEM:
Immer im Feuerwehr-Modus.
Wichtige, nicht dringende Arbeit (Tech Debt,
Strategie, Entwicklung) wird nie gemacht.

LÖSUNG:
- Feste Zeit für „Decide"-Quadrant blocken
- Nicht verhandelbar
- Minimum 20% der Zeit

Fehler 5: Keine Re-Priorisierung

PROBLEM:
Prioritäten von vor 3 Monaten gelten noch.
Die Welt hat sich aber verändert.

LÖSUNG:
- Regelmäßig reviewen (mindestens monatlich)
- Neue Informationen einbeziehen
- Bereit sein, Pläne zu ändern

Priorisierung kommunizieren

Gegenüber Stakeholdern

TEMPLATE:

„Wir haben [N] Anfragen priorisiert.
Hier ist das Ranking und warum:

1. [Feature A] - RICE Score 450
   → Höchster Impact bei moderatem Effort

2. [Feature B] - RICE Score 320
   → Wichtig für Ziel X

3. [Feature C] - wird verschoben auf Q3
   → Effort zu hoch für aktuellen ROI

Fragen zu den Annahmen?"

Gegenüber dem Team

WICHTIG:
- Warum haben wir so priorisiert?
- Was bedeutet das für den Sprint?
- Was ist explizit out of scope?

„Unser Fokus dieses Sprints ist [Ziel].
Alles andere ist nice to have.
Wenn jemand mit anderen Requests kommt:
Verweist auf mich."

Fazit: Priorisieren heißt verzichten

Gute Priorisierung ist nicht, das Richtige zu tun. Es ist, das Falsche nicht zu tun.

Die Kernprinzipien:

  1. Alles kann nicht wichtig sein: Force Rank erzwingen
  2. Frameworks nutzen: Eisenhower, RICE, MoSCoW
  3. Nein sagen lernen: Konstruktiv und transparent
  4. Regelmäßig reviewen: Prioritäten ändern sich
  5. Wichtig > Dringend: Zeit für Strategie blocken

Deine Challenge für heute:

Liste alles auf, was du diese Woche machen willst. Dann: Streiche die Hälfte. Die verbleibenden Items: Rank sie 1-N.

Mach nur Nr. 1-3 wirklich. Der Rest kommt nächste Woche – oder nie.

Und das ist okay.


Du willst verstehen, wie du als Leader bessere Entscheidungen triffst? Unser Guide zu Entscheidungen treffen zeigt Frameworks für schnellere und bessere Entscheidungen.

#Prioritäten#Produktivität#Zeit Management#Tech Leadership#Entscheidungsfindung

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