Automatisierungs-Check: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis
"Das können wir doch automatisieren!" – Dieser Satz fällt in Meetings häufiger denn je. Und oft stimmt er auch. Das Problem: Nicht jede Automatisierung ist sinnvoll. Manche kosten mehr, als sie einsparen.
Warum die Hälfte aller Automatisierungsprojekte scheitert
Die Statistik ist ernüchternd: Rund 50% aller Automatisierungsinitiativen erreichen nicht die geplanten Ergebnisse. Die häufigsten Gründe:
1. Falscher Prozess ausgewählt
- Zu komplex, zu viele Ausnahmen
- Zu selten ausgeführt
- Zu viele manuelle Entscheidungen nötig
2. Falsche Erwartungen
- Überschätzte Zeitersparnis
- Unterschätzte Implementierungskosten
- Ignorierte Wartungsaufwände
3. Fehlende Vorbereitung
- Prozess nicht standardisiert
- Keine klaren Regeln definiert
- Datenqualität mangelhaft
Die 5 Kriterien für Automatisierungspotenzial
Kriterium 1: Wiederholungsfrequenz
Faustregel: Je öfter ein Prozess läuft, desto höher das Potenzial.
| Häufigkeit | Potenzial | Beispiel |
|---|---|---|
| Täglich mehrfach | Sehr hoch | Rechnungseingang prüfen |
| Täglich | Hoch | Tagesreports erstellen |
| Wöchentlich | Mittel | Bestandsaktualisierung |
| Monatlich | Gering | Monatsabschluss |
| Jährlich | Sehr gering | Jahresabschluss |
Aber Achtung: Auch seltene Prozesse können sich lohnen, wenn sie sehr aufwändig sind.
Kriterium 2: Regelbasierung
Automatisierung braucht klare Regeln. Fragen Sie sich:
- Gibt es eindeutige Wenn-Dann-Beziehungen?
- Sind die Entscheidungskriterien dokumentierbar?
- Wie oft gibt es Ausnahmen?
Automatisierbar:
- "Wenn Rechnungsbetrag > 1000€, dann Freigabe durch Abteilungsleiter"
- "Wenn Lagerbestand < Mindestmenge, dann Bestellung auslösen"
Schwer automatisierbar:
- "Wenn der Kunde wichtig ist..." (Was bedeutet "wichtig"?)
- "Nach Gefühl entscheiden..." (Welches Gefühl?)
Kriterium 3: Digitale Verfügbarkeit
Der Prozess muss digital abbildbar sein:
Gut automatisierbar:
- Daten liegen in Systemen vor
- Schnittstellen (APIs) vorhanden
- Standardformate (CSV, XML, JSON)
Schlecht automatisierbar:
- Handschriftliche Dokumente
- Telefonate als Eingabe
- Entscheidungen basierend auf Bauchgefühl
Praxis-Tipp: Ermitteln Sie mit unserem Digitalisierungs-Reifegrad Tool, wie digital Ihre Prozesse bereits sind.
Kriterium 4: Fehleranfälligkeit
Manuelle Prozesse mit hoher Fehlerquote sind ideale Kandidaten:
Typische Fehlerquellen:
- Tippfehler bei Dateneingabe
- Vergessene Schritte
- Inkonsistente Ausführung
- Copy-Paste-Fehler
Faustregel: Bei einer Fehlerquote > 2% lohnt sich fast immer die Automatisierung.
Kriterium 5: Zeitaufwand und Kosten
Berechnen Sie die wahren Kosten:
Jährliche Prozesskosten =
(Bearbeitungszeit × Stundensatz × Häufigkeit) +
Fehlerkosten +
Opportunitätskosten
Berechnen Sie es konkret: Unser Prozesskosten-Analyzer hilft Ihnen, die wahren Kosten inkl. versteckter Kosten zu ermitteln.
Das Automatisierungs-Scoring-Modell
Bewerten Sie jeden Prozess auf einer Skala von 1-5:
| Kriterium | 1 (gering) | 5 (hoch) |
|---|---|---|
| Frequenz | Jährlich | Stündlich |
| Regelbasierung | Viele Ausnahmen | Klare Regeln |
| Digitalisierungsgrad | Papier-basiert | Voll digital |
| Fehleranfälligkeit | < 1% | > 10% |
| Zeitaufwand | < 10 Min/Monat | > 20 Std/Monat |
Interpretation:
- Score 20-25: Sofort automatisieren
- Score 15-19: Guter Kandidat, detailliert prüfen
- Score 10-14: Möglich, aber ROI genau berechnen
- Score < 10: Wahrscheinlich nicht sinnvoll
Welche Automatisierungstechnologie passt?
Je nach Prozess eignen sich unterschiedliche Ansätze:
RPA (Robotic Process Automation)
Geeignet für:
- Bestehende Systeme ohne APIs
- Datenübertragung zwischen Legacy-Systemen
- Regelbasierte Bildschirmarbeit
Beispiele: UiPath, Automation Anywhere, Power Automate
Workflow-Automatisierung
Geeignet für:
- Mehrstufige Genehmigungsprozesse
- Aufgabenverteilung und Tracking
- Dokumenten-Workflows
Beispiele: n8n, Make (Integromat), Zapier
KI-gestützte Automatisierung
Geeignet für:
- Dokumentenverarbeitung (OCR + NLP)
- E-Mail-Klassifizierung
- Datenextraktion aus unstrukturierten Quellen
Beispiele: Claude/GPT APIs, Google Document AI, AWS Textract
Low-Code/No-Code Plattformen
Geeignet für:
- Schnelle Prototypen
- Einfache Integrationen
- Citizen Development
Beispiele: Retool, Bubble, Airtable Automations
Die häufigsten Automatisierungsfehler
Fehler 1: Den komplexesten Prozess zuerst
Starten Sie nicht mit dem größten, sondern mit dem einfachsten Prozess. Quick Wins schaffen Momentum.
Fehler 2: 100% Automatisierung anstreben
80% automatisiert mit menschlicher Prüfung ist oft besser als 100% mit Fehlerrisiko.
Fehler 3: Wartung ignorieren
Jede Automatisierung braucht Pflege. Planen Sie 15-20% des Initialaufwands pro Jahr für Wartung ein.
Fehler 4: Mitarbeiter nicht einbinden
Die Leute, die den Prozess ausführen, kennen ihn am besten. Binden Sie sie ein.
Ihr Automatisierungs-Fahrplan
Phase 1: Inventur (1-2 Wochen)
- Liste aller repetitiven Prozesse erstellen
- Grobe Zeitschätzungen sammeln
- Schmerzpunkte identifizieren
Phase 2: Scoring (1 Woche)
- Jeden Prozess nach den 5 Kriterien bewerten
- Top 5 Kandidaten identifizieren
- Automatisierungs-Check durchführen
Phase 3: Business Case (1-2 Wochen)
- ROI für Top-Kandidaten berechnen
- Implementierungsaufwand schätzen
- Make-vs-Buy Entscheidung treffen
Phase 4: Pilot (4-8 Wochen)
- Einen Prozess automatisieren
- Messen, lernen, optimieren
- Dokumentieren für Skalierung
Kostenloser Automatisierungs-Check
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Unser Tool prüft:
- Automatisierbarkeit anhand der 5 Kriterien
- Passende Technologie-Empfehlung
- Geschätztes Einsparpotenzial
- Nächste Schritte
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Fazit: Systematik schlägt Bauchgefühl
Die Frage ist nicht "Können wir das automatisieren?" – meistens ja. Die Frage ist: "Sollten wir das automatisieren?" Und diese Frage beantwortet nur eine systematische Analyse.
Mit den richtigen Kriterien und einem klaren Scoring-Modell vermeiden Sie teure Fehlentscheidungen und fokussieren auf Automatisierungen, die wirklich Wert schaffen.
Sie haben Prozesse mit hohem Automatisierungspotenzial identifiziert und wollen loslegen? Unser AI Adoption Audit hilft Ihnen bei der strategischen Umsetzung – von der Toolauswahl bis zur Implementierung.
