Das Wichtigste vorab
- Balane Office ist ein Nachbau im Geiste, keine Kopie. Nichts ist dekompiliert, der Code ist neu geschrieben, die Oberfläche eigen. Übernommen ist die Idee einer Office-Suite.
- Es ist keine fertige Software. Windows, iOS und Android sind noch nicht gebaut und geprüft, und Word-Dateien kommen noch nicht in jedem Fall unverändert zurück.
- Manches funktioniert erstaunlich gut. Tabellen mit rund 230 Funktionen, Berichte mit Beziehungen und Kennzahlen, Formulare mit Bedingungslogik.
- Mich beschäftigt eine andere Frage mehr: Wenn sich jeder seine Software selbst baut, wer hält dann die gemeinsamen Formate zusammen?
- Programmieren können hilft weiterhin. Gerade wenn die KI den Code schreibt, braucht es jemanden, der ihn lesen und aufräumen kann.
Office geht mir seit Jahren auf die Nerven. Nicht weil es schlecht wäre, sondern weil ich an vielen Stellen anders arbeiten möchte, als es mich lässt. Die Idee, eine eigene Suite zu bauen, hatte ich deshalb schon länger. Angefangen habe ich auch, dann blieb sie als Nebenthema liegen. Dafür war sie schlicht zu groß.
Dann kam die Welle an Beiträgen, nach denen KI jeden Entwickler ersetzt und Software bauen ganz einfach geworden ist. Das wollte ich selbst wissen. Also habe ich das Projekt wieder aufgemacht, diesmal mit KI als Werkzeug und öffentlich, damit jeder mitschauen kann. Heute sind es acht Apps: Dokumente, Tabellen, Präsentationen, Formulare, Berichte, E-Mail, ein Content-Planer und ein PDF-Werkzeug. Zusammen rund 456.000 Zeilen Code, davon gut 83.000 Zeilen Tests.
Ganz allein bin ich mit der Idee nicht. Gerade geht ArtCraft durch die Netzwerke: Ein Entwickler hat mit KI erst die Adobe-Programme und dann Word, Excel und PowerPoint nachgebaut. Ob dafür dekompiliert wurde, wird heftig diskutiert. Er selbst spricht von einem Neubau anhand öffentlicher Dateiformate. Für Balane Office kann ich es klar sagen: Nichts ist dekompiliert, nichts kopiert. Freie Suiten wie LibreOffice dienen als Vorbild für Umfang und Verhalten, ihr Quellcode wird nicht übernommen.
Die Idee: im Geiste ähnlich, nicht gleich
PowerPoint hat die Präsentation nicht erfunden. Folien, Projektoren und Vorträge gab es vorher. PowerPoint hat eine bekannte Idee in Software gegossen. Genau so verstehe ich Balane Office: als Suite, die dieselben Aufgaben löst wie Office, aber an den Stellen anders entscheidet, an denen mich Office seit Jahren stört.
Die Grundsätze dafür sind schnell erzählt:
- Lokal zuerst. Jede Datei liegt auf dem eigenen Gerät und lässt sich ohne Netz vollständig bearbeiten. Kein Pflichtkonto, kein eigener Server.
- Eigenständige Apps, ein Bedienkonzept. Jede App funktioniert für sich. Begriffe, Kürzel, Startseite und Befehlssuche sind überall gleich.
- Ehrliche Kompatibilität. Für jedes Format steht in einer Matrix, was beim Öffnen, Bearbeiten und Zurückspeichern erhalten bleibt. Was nicht geprüft ist, gilt nicht als unterstützt.
Warum ich es so gebaut habe
Die Funktionen, die mir am wichtigsten sind, sind die, die ich in Office oft vermisst habe.
Die KI ändert nie still etwas. Sie macht Vorschläge: jede Änderung einzeln, mit Vorher und Nachher, mit den Zellen oder Absätzen, auf die sie sich stützt, und einer kurzen Begründung. Ich nehme an oder lehne ab. Angenommene Änderungen lassen sich in einem Schritt rückgängig machen. In Tabellen schreibt sie echte Formeln statt fertiger Werte, damit das Ergebnis nachvollziehbar bleibt.
Die KI ist austauschbar. Sie ist aus, bis man einen eigenen Schlüssel hinterlegt. Heute ist das OpenAI, später soll man den Anbieter der eigenen Wahl anschließen können. Es gibt keinen eigenen Server, über den Daten laufen. Warum mir das wichtig ist, habe ich in der Auswertung zu KI-Preisen beschrieben: Wer heute baut, sollte so bauen, dass er den Anbieter wechseln kann.
Die Apps sind verknüpft. Ein Bereich aus einer Tabelle lässt sich in einen Bericht, ein Dokument oder eine Präsentation übernehmen und dort aktualisieren. Was ich im Zieldokument von Hand geändert habe, wird dabei nie still überschrieben.
Andere Werkzeuge dürfen mitarbeiten. Die meisten Apps bringen eine Schnittstelle für KI-Assistenten mit (MCP). Ein Assistent wie Claude kann damit Dateien lesen und bearbeiten, mit Versionen und Änderungsprotokoll.
Warum das keine fertige Software ist
Das gehört genauso auf den Tisch:
- Plattformen: Entwickelt und gesichtet wird auf macOS und im Browser. Windows, iOS und Android sind noch nicht gebaut und nicht geprüft.
- Office-Dateien: DOCX, PPTX und ODT lassen sich öffnen und speichern, aber mit dokumentierten Grenzen. LibreOffice öffnet die Dateien ohne Reparatur, die Gegenprüfung in Word, Excel und PowerPoint steht noch aus. Bei XLSX gehen beim Zurückspeichern unter anderem Diagramme, Bilder und Makros verloren.
- Dateiformat: Die eigenen Arbeitsformate können sich noch ändern. Wichtige Daten sollten nicht ausschließlich in den Apps liegen.
- Umfang: E-Mail, Content-Planer und PDF-Werkzeug sind deutlich weniger weit als die übrigen Apps.
Wer Balane Office ausprobiert, probiert ein Experiment aus. Genau so steht es auch auf der Seite.
Was schon erstaunlich gut funktioniert
Trotzdem hat mich überrascht, wie weit manche Apps schon sind:
- Tabellen: rund 230 Funktionen auf Deutsch und Englisch, Sortieren, Filter, Pivot, bedingte Formatierung, Datenüberprüfung und sieben Diagrammtypen.
- Berichte: Abfrageschritte zum Zusammenführen, Gruppieren und Entpivotieren, Beziehungen zwischen Tabellen, Kennzahlen mit Zeitintelligenz, Drillthrough und eigenes Handy-Layout je Seite. Das ist eher Power BI als Excel.
- Formulare: 21 Fragetypen, Bedingungslogik, Entwürfe, Kiosk-Modus und Auswertung.
- Präsentationen: Master und Layouts, Übergänge, Animationen und Referentenansicht.
- Dokumente: eigener Editor mit Formatvorlagen, Fußnoten, Verzeichnis, Kommentaren und Änderungsverfolgung.
Hinter jeder App stehen automatische Tests, insgesamt 390 Testdateien. Ohne sie wüsste ich bei keiner Änderung, ob danach noch alles geht.
Die Frage, die mich mehr beschäftigt als der Code
Software lässt sich heute schon stark anpassen. Menüs, Ansichten, Farben, Kürzel, in vielen Programmen sogar eigene Erweiterungen. Aber darunter liegt fast immer dasselbe: die gleichen Dateiformate, die gleichen Strukturen. Eine Excel-Datei aus Hamburg öffnet sich in München, weil beide Seiten dasselbe Format sprechen. Diese Formate sind über Jahre standardisiert worden: Office Open XML als ECMA-376 und später ISO/IEC 29500, das OpenDocument-Format als ISO/IEC 26300.
Wenn KI das Bauen von Software so billig macht, dass jeder sich seine eigene bauen kann, wird Software individueller. Das ist erst einmal gut. Die Frage ist, was dann mit dem passiert, was darunter liegt. Wenn jedes Werkzeug sein eigenes Süppchen kocht, entstehen tausend private Formate, und jede Datei wird zur Insel.
Ich muss mich dabei an die eigene Nase fassen. Balane Office speichert selbst in eigenen Formaten: .bdoc, .bsheet, .bslides und so weiter. Das hat gute Gründe. Die Formate sind einfach, versioniert und lassen sich sauber weiterentwickeln. Für den Austausch liest und schreibt jede App die Standards, also DOCX, XLSX, PPTX und die OpenDocument-Formate. Zwischen den Apps laufen Daten über kleine, versionierte Verträge.
Aber genau hier liegt das Problem: Der Standard rutscht zum Exportformat ab. Er wird zur Übersetzungsschicht und nicht mehr zur Arbeitsgrundlage. Und Übersetzen verliert. Das zeigen meine eigenen Tests: Selbst mit der vollständigen Spezifikation in der Hand ist es schwer, eine Datei so zurückzuspeichern, dass alles erhalten bleibt.
Das stärkste Gegenargument kenne ich: Wenn KI jedes Format lesen und in jedes andere übersetzen kann, sind Standards vielleicht weniger wichtig als früher. Ein Konverter ist heute schnell gebaut. Da ist etwas dran. Nur hilft das wenig, wenn niemand mehr festlegt, was ein Absatz, eine Formel oder eine Folie eigentlich ist. Dann übersetzt die KI zwischen Formaten, die sie selbst erfunden hat, und keiner kann prüfen, ob dabei etwas verloren ging.
Individuelle Software ist gut. Individuelle Dateiformate sind ein Preis, den man erst beim Austausch bemerkt.
Warum Programmieren können trotzdem hilft
Die KI schreibt eine Tabellenkalkulation schneller, als ich sie beschreiben kann. Aufräumen tut sie nicht. Lässt man sie, löst sie dasselbe Problem jedes Mal ein bisschen anders. Nach kurzer Zeit gibt es mehrere Varianten derselben Sache, und keiner weiß mehr, welche gilt.
Was dagegen hilft, ist erstaunlich altmodisch. Es gibt feste Muster im Sinne des Buchs „Design Patterns“ von Gamma, Helm, Johnson und Vlissides aus dem Jahr 1994. Sie werden einmal festgelegt und überall wiederverwendet. Es gibt zehn schriftliche Architekturentscheidungen, gemeinsame Bausteine für alle Apps und eine automatische Prüfung, die meldet, wenn eine Abhängigkeit in die falsche Richtung zeigt. Die KI arbeitet innerhalb dieser Regeln. Wer sie aufstellen will, muss verstehen, warum es sie gibt.
Und dann ist da der Tag, an dem die KI ausfällt. Ein Anbieter hat eine Störung, die Preise steigen, oder das Modell versteht ein Problem einfach nicht. Dann muss ich den Code selbst lesen und ändern können. Das geht nur, wenn er lesbar geblieben ist.
Ehrlich gesagt: Selbst zu schreiben dauert bei mir heute deutlich länger als früher. Die Übung fehlt, wenn man den größten Teil der Zeit liest und prüft statt tippt. Aber den Code lesen, Fehler finden und eine Struktur beurteilen kann ich noch. Und genau das ist die Fähigkeit, auf die es jetzt ankommt.
KI hat mir das Tippen abgenommen. Das Entscheiden nicht.
Wie es weitergeht
Die Apps laufen als Demo im Browser, erreichbar über balane.online. Wenn genug Interesse da ist, kommen sie in die Stores für Windows, Mac, iOS und Android. Bis dahin berichte ich hier in der Rubrik Balane Office weiter, auch über das, was nicht klappt.
Mich interessiert vor allem eine Antwort: Welche Funktion vermissen Sie in Office seit Jahren?
Verwandt
Quellen
- PetaPixel: Someone Rebuilt Free, Open-Source Versions of Photoshop, Premiere, and Lightroom Using AI, 07.10.2026
- ComputerBase: Nach KI-Klonen von Adobe-Apps: Entwickler erstellt Open-Source-Kopien von Microsofts Office-Apps
- Design Week: ArtCraft’s Adobe Suite copy was made with AI
- Ecma International: ECMA-376 Office Open XML File Formats
- OASIS: OpenDocument Format (ISO/IEC 26300)
- Erich Gamma, Richard Helm, Ralph Johnson, John Vlissides: Design Patterns. Elements of Reusable Object-Oriented Software, Addison-Wesley 1994