„Das machen wir schnell selbst.“ Den Satz kennt jeder, der eine Firma führt. Früher stand am Ende eine Excel-Liste. Heute baut die KI an einem Wochenende eine App mit Kundendatenbank, und sie sieht großartig aus.
Mit so einer App bist du bei der Arbeit nie allein. Im Mai 2026 hat eine Sicherheitsfirma Apps aus KI-Baukästen durchsucht: Jede 76. zeigte vertrauliche Daten offen im Netz. Mitlesen konnte jeder, der wollte. Auch die, die das auf keinen Fall sollten: Fremde, Konkurrenten, Betrüger, die mit Namen und E-Mail-Adressen ihr Geld verdienen.
Ich baue gerade selbst Software mit KI, ein ganzes Office, und habe auf LinkedIn darüber geschrieben. Unter dem Beitrag meldete sich Sergey Goncharenko, Programmmanager in der Enterprise-IT. Er schrieb ausdrücklich als Privatperson, und so zitiere ich ihn auch. Seine Antwort war die beste Gegenrede, die ich zu meinem Experiment bisher bekommen habe.
„Langsam, aber sicher stellst du dieselben Leute ein, die heute Office pflegen.“
Sergey Goncharenko, auf LinkedIn, übersetzt
Dieser Beitrag nimmt seine Argumente einzeln auseinander. Bei den meisten hat er recht. Bei einem liegt er daneben, und genau dort wird es interessant.
Die kurze Antwort
- Viele KI-Apps sind umgezogene Excel-Listen. Früher lag die Liste als Datei im Firmennetz, heute in einer Datenbank im Internet. Ob jemand mitliest, hängt an einer einzigen Einstellung.
- Die KI ist nicht das Problem. Sie baut, was die Baukästen ihr vorgeben: eine zentrale Datenbank. Die ist das Ziel.
- Balane Office hat keine. Dateien bleiben auf deinem Gerät, obwohl das ganze Office mit KI gebaut ist.
- Sergey hat beim Wichtigsten recht. Pflegen, haften und unterschreiben kann die KI nicht. Deshalb ist Balane Office ein Experiment und kein Produkt.
Aus der Excel-Liste wird eine App
„Excel ist tot. Bau dir eine App.“ Das ist das Versprechen von Vibe Coding: Du beschreibst einer KI, was du willst, und sie baut es. Plattformen wie Lovable, Replit oder Base44 machen daraus ein Produkt. Ein Satz rein, eine App raus, mit Anmeldung, Datenbank und eigener Adresse im Netz.
Was dabei herauskommt, hat die israelische Sicherheitsfirma RedAccess im Mai 2026 nachgesehen. Sie fand 380.000 öffentlich erreichbare Apps und Datenbanken aus Lovable, Replit, Base44 und Netlify. Rund 5.000 davon enthielten vertrauliche Daten, also etwa jede 76. Axios und Wired haben Fälle davon nachgeprüft.
Was darin stand, liest sich wie ein Blick in fremde Excel-Dateien. Welche Schiffe wann in welchem Hafen erwartet werden. Eine Liste laufender klinischer Studien. Gesprächsprotokolle aus dem Kundendienst. Finanzzahlen einer Bank. Arztberichte aus Kliniken.
Früher lag so eine Liste als Datei im Firmennetz. Wer sie lesen wollte, musste erst einmal hinein. Heute liegt sie in einer Datenbank im Internet, rund um die Uhr erreichbar.
Wie offen sind KI-Apps wirklich?
Eine zweite Zählung kommt von UpGuard, ebenfalls eine Sicherheitsfirma. Sie hat im Oktober 2026 rund 300.000 Webseiten untersucht, die Supabase nutzen, eine Datenbank im Netz, die laut UpGuard für Vibe-Coding-Apps nahezu der Standard ist. Bei 16.326 davon konnte jeder Tabellen lesen, in mehr als der Hälfte steckten Hinweise auf persönliche Daten.*
UpGuard, Oktober 2026; RedAccess, Mai 2026. Die beiden Studien zählen Verschiedenes und lassen sich nicht addieren. * Siehe die Anmerkung am Ende.
Die Ursache ist banal. Damit Fremde nicht in fremde Datensätze schauen, braucht jede Tabelle eine Regel, wer was sehen darf. Legt ein Mensch die Tabelle in der Oberfläche an, ist diese Regel eingeschaltet. Legt sie ein KI-Agent über die Schnittstelle an, ist sie es nicht. Und UpGuard hat seine 300.000 Webseiten nicht von Hand geprüft, sondern automatisch. Was Forscher können, können Angreifer auch.
Die KI ist nicht das Problem
Man könnte daraus schließen: Finger weg von KI. Das wäre der falsche Schluss.
Die KI hat in all diesen Fällen gebaut, was man ihr gesagt hat oder was die Plattform ihr nahelegt: eine App mit zentraler Datenbank im Netz. So baut man Web-Software seit zwanzig Jahren. Neu ist nur, dass es jetzt jeder kann, in einer Nacht, ohne zu wissen, dass es diese eine Regel gibt.
Wer mit KI eine Excel-Liste in eine Web-App verwandelt, tauscht eine Datei im Firmennetz gegen eine Datenbank im Internet, die jeder lesen kann, wenn eine einzige Regel fehlt.
Warum Balane Office keine Datenbank hat
Balane Office baue ich von Anfang an andersherum. Tabellen, Dokumente und Präsentationen liegen als Dateien auf deinem Gerät, so wie eine Excel-Datei. Es gibt kein Konto und keinen Server, auf dem ich etwas sammle. Wo die KI hilft, geht der Text mit deinem eigenen Schlüssel direkt zu dem Anbieter, den du gewählt hast.
Was man nicht sammelt, kann man nicht verlieren.
Das macht nicht alles sicher. Ein verlorener Laptop bleibt ein verlorener Laptop, und wer KI nutzt, schickt Text zu einem Anbieter. Aber eine offene Datenbank kann bei Balane Office nicht entstehen, weil es keinen Ort gibt, an dem sie liegen könnte.
So weit meine Seite. Jetzt Sergeys.
Sergeys Einwände, einzeln geprüft
Ich habe seine Kommentare in sechs Punkte zerlegt. Links steht sein Argument, daneben, was mein Experiment dazu zeigt. Auf schmalen Bildschirmen folgt die Prüfung direkt unter dem Argument.
1. Das Tempo der Pflege
„Wenn du versuchst, alle Funktionen mit KI nachzubauen, und die wirst du brauchen, wenn du weiter mit Menschen arbeiten willst, die deine Dateien nutzen, wird es sehr schnell hässlich. Du wirst beim Tempo von Sicherheitsupdates, Compliance-Kontrollen, kaputten Funktionen, gekaperten Abhängigkeiten und Änderungen nicht mithalten. Nicht allein.“
In meinem Beitrag stand zum Einwand „Wir können das nicht pflegen“ nur: „Stimmt. Noch.“ Genau dort hat Sergey eingehakt. Es ist sein stärkster Punkt, und er trifft. Software ist nie fertig. Jede Woche ändert sich etwas, an dem sie hängt.
2. Gekaperte Abhängigkeiten
Sergey zählt „gekaperte Abhängigkeiten“ beiläufig mit auf. Dahinter steckt eines der unangenehmsten Risiken der Branche: Fremder Code, den niemand ausgesucht hat, steckt in jedem Programm. Wird einer dieser Bausteine übernommen oder manipuliert, trifft es alle, die ihn nutzen.
3. Vertrauen und Angriffe
„Die Leute, die mit deinem Office arbeiten, müssen darauf vertrauen, dass in einem Makro nichts Schlimmes steckt. Und ich rede nicht einmal von Hackern. Heute könnten das Schwärme von KI-Agenten sein.“
Microsoft Office sei im Grunde eine Vertrauenskette, schreibt er: Du und deine Partner vertraut Microsoft bei Sicherheit und Compliance. Wer eine eigene App baut, muss alle Partner davon überzeugen, ihr ebenfalls zu vertrauen.
4. Eine Firma, größer als Microsoft
„Um etwas so Komplexes und so einheitlich Genutztes wie Office zu bauen, müsstest du eine Firma gründen, die größer ist als Microsoft. Ungefähr so, wie man für einen Blick hinter die Planck-Skala die Energie eines Schwarzen Lochs bräuchte.“
Das ist das schönste Bild der ganzen Diskussion.
5. Zwei Firmen, ein Markt
„Eine Firma baut nebenbei Teile ihrer Software mit KI, eine andere nutzt fertige Software, beide im selben Markt. Zeit und Tokens gegen das Abo: Wer gewinnt?“
Und dazu: Wer glaubt, nebenbei ein Office bauen zu können, wird von dem überholt, der seine Zeit in sein eigentliches Geschäft steckt.
6. Compliance hängt an Menschen
„Compliance hängt bisher an Menschen. Deshalb halte ich sie für komplexer als Sicherheit. Sicherheit werden wir in den nächsten Jahren wohl mehr oder weniger gelöst sehen. Aber zu welchem Preis?“
Er sei sehr skeptisch, schreibt er, dass KI alle nötigen Vorschriften abarbeiten, Nachweise für Kunden liefern und das bei jeder neuen Regel nachpflegen kann.
Auf einen Blick
| Sergeys Punkt | Mein Urteil | Beleg aus dem Experiment |
|---|---|---|
| Tempo der Pflege | stimmt | ein Update zerlegt den iPhone-Build, alte Version festgehalten |
| Gekaperte Abhängigkeiten | stimmt halb | 16 ausgewählt, rund 600 mitgeliefert; Lizenzprüfung offen |
| Vertrauen und Angriffe | stimmt | offene Datenbanken werden automatisch gefunden; ohne Datenbank nichts zu finden |
| Größer als Microsoft | sehe ich anders | Alltagsfunktionen in Tagen gebaut; Kompatibilität bleibt die Mauer |
| Zwei Firmen, ein Markt | stimmt heute | Experiment, kein Produkt |
| Compliance an Menschen | stimmt | DSGVO und Cyber Resilience Act verlangen einen Menschen |
Wo ich ihm widerspreche
Bei fast allem gebe ich Sergey recht. Widersprechen muss ich ihm an einer Stelle, und die ist entscheidend: Er rechnet so, als müsste jedes selbst gebaute Office so gebaut sein wie Microsoft 365. Mit Servern, Konten, zentraler Datenhaltung, einer Angriffsfläche so groß wie ein Rechenzentrum.
Genau das muss es nicht. Ein großer Teil der Arbeit, die er aufzählt, entsteht erst durch die zentrale Datenbank: sie sichern, überwachen, gegen Schwärme verteidigen, bei jedem Leck Tausende Menschen benachrichtigen. Wer keine fremden Daten sammelt, hat einen großen Teil dieser Arbeit gar nicht erst.
Das löst nicht alles. Pflege, Lizenzen und Kompatibilität bleiben. Aber es ist ein anderer Maßstab als „eine Firma größer als Microsoft“.
Der Einwand: Excel-Dateien sind auch nicht sicher
Der naheliegende Einwand gegen meine Datei-Lösung lautet: Excel-Dateien wandern als Anhang durch die Welt, liegen in falschen Ordnern und auf USB-Sticks. Sicher ist das auch nicht.
Das stimmt. Aber ein Leck betrifft dann eine Datei, nicht eine Datenbank, die jeder im Internet abfragen kann, rund um die Uhr, automatisiert.
Der zweite Einwand ist ernster: Ohne zentrale Datenbank keine Zusammenarbeit. Daran arbeite ich gerade. In Balane Office entstehen ein Teamchat und gemeinsames Bearbeiten von Dokumenten, bei denen die Geräte direkt miteinander sprechen, Ende-zu-Ende verschlüsselt. Ob das im Alltag eines echten Teams trägt, ist noch offen. Das wird eine eigene Folge.
Was daraus folgt
BEVOR DU EINE EXCEL-LISTE ZUR KI-APP MACHST
- Braucht diese Liste wirklich eine Datenbank im Internet? Oft reicht eine Datei.
- Wenn ja: Wer darf welche Daten sehen, und hat das jemand als Fremder ausprobiert?
- Wer meldet, wenn es brennt? Ein Name, keine Abteilung.
Sergey hat zum Schluss etwas geschrieben, das mich länger beschäftigt hat als alle Zahlen. Vielleicht sei das langsame Tempo, mit dem Regeln und Prozesse sich an KI anpassen, gar kein Fehler, sondern gut für uns Menschen. Ich glaube, er hat recht. Wir bauen oft, was möglich ist, nicht was gebraucht wird. Ein bisschen Reibung ist dann kein Fehler, sondern eine Funktion.
Und eine Frage aus unserer Diskussion bleibt offen. Dänemark, Schleswig-Holstein und andere verabschieden sich gerade von Software außerhalb der EU. Was passiert, wenn Menschen ohne Technikbezug eine Tabelle bekommen, die aussieht wie Excel, aber anders rechnet? Baut Europa gerade eine teure Kopie seiner Software, oder zahlt sich das aus?
Ich weiß es noch nicht. Ich baue weiter und schreibe auf, was geht und was nicht. Als Nächstes geht es um den Teamchat ohne Server und um Tabellen, die richtig rechnen müssen. Ausprobieren kannst du Balane Office auf balane.online, und wenn du sehen willst, wie es weitergeht, folg mir auf LinkedIn.
Welche Excel-Liste in deiner Firma ist schon eine KI-App geworden, und weißt du, wer mitliest?
* Die 16.326 sind Datenbanken auf Supabase mit öffentlich lesbaren Tabellen, gezählt von UpGuard bei rund 300.000 Webseiten (Veröffentlichung 14.10.2026). Supabase ist laut UpGuard die nahezu standardmäßige Datenbank für Vibe-Coding-Apps. Wie viele der 16.326 nachweislich mit KI gebaut wurden, hat UpGuard nicht ausgezählt, und ob Fremde die Daten tatsächlich abgerufen haben, ist nicht belegt. Eindeutig KI-Baukästen zugeordnet sind die rund 5.000 Apps aus der Untersuchung von RedAccess.
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Quellen
- Sergey Goncharenko, Kommentare unter meinem LinkedIn-Beitrag, Oktober 2026, persönliche Meinung, Zitate übersetzt und mit seinem Einverständnis
- VentureBeat: 5,000 vibe-coded apps just proved shadow AI is the new S3 bucket crisis, 08.05.2026, zur Untersuchung von RedAccess; nachgeprüft von Axios und Wired
- UpGuard, Greg Pollock: Everything, Everywhere: Systemic Data Exposure in Supabase Apps, 14.10.2026
- Jones Day: EU Cyber Resilience Act: 24-Hour Reporting Duties Start September 11, 2026, Juli 2026
- Verordnung (EU) 2024/2847 (Cyber Resilience Act), EUR-Lex
- Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO), EUR-Lex, Art. 33 (Meldung binnen 72 Stunden)
- Eigene Zählung: Abhängigkeiten im Netzwerkteil von Balane Dialog (Cargo.lock und pubspec.lock), 18.10.2026; Befunde in
docs/product/erkundung.mdim Repository von Balane Office