Gedanken. Was mir beim Zuschauen auffällt.
Screenshot. Name geschwärzt. Darunter drei Absätze darüber, wie respektlos solche Nachrichten sind. Vierhundert Reaktionen, zweihundert Kommentare, alle nicken.
Zwei Tage später liegt derselbe seelenlose Müll bei mir im Postfach. Vom selben Absender. „Meine letzte Nachricht ist bestimmt untergegangen."
Heuchelei ist das nicht. Heuchler verstecken etwas. Hier versteckt keiner was. Die eigene Nachricht und die fremde Nachricht liegen in zwei getrennten Schubladen, und zwischen den Schubladen war nie jemand unterwegs. Das ist schlimmer als Heuchelei. Heuchelei setzt voraus, dass man sich selbst kennt.
Der Ohrensessel
Das Buch dazu ist geschrieben. 1984, Thomas Bernhard, „Holzfällen".
Ein Mann sitzt einen ganzen Abend in einem Ohrensessel in einer Wiener Wohnung und verachtet die Leute um ihn herum. Die Gastgeber, die Gäste, die Reden, die Preise, die Karrieren. Zweihundert Seiten Hass.
Und er sitzt da. Er hat zugesagt. Er isst mit. Er geht nicht. Am Ende rennt er durch die Innenstadt, will sofort darüber schreiben, und weiß: Ich bin einer von denen.
Ohne diesen letzten Satz wäre das Buch Gejammer. Mit ihm ist es eine Waffe.
Der Screenshot-Post hat den Hass und nicht den letzten Satz. Empörung von außen, Absender von innen. Wer verachtet und sich selbst rausrechnet, kritisiert nicht. Er stellt sich hin.
Titel, die keiner vergeben hat
Sie reden von der besseren Gesellschaft, weil es für die beste nicht gereicht hat.
Bei Bernhard läuft eine Schriftstellerin als die österreichische Virginia Woolf herum. Verliehen hat ihr das keiner. Sie sagt es, niemand widerspricht, und niemand widerspricht, weil jeder im Raum sein eigenes Schild braucht.
Top Voice. Thought Leader. Visionary. Serial Entrepreneur. Es gibt keine Stelle, die das vergibt. Du schreibst es dir ins Banner und schaust, ob der Raum mitmacht. Der Raum macht mit. Nichtangriffspakt: Wer an meinem Schild rüttelt, riskiert sein eigenes.
Dann die Zahlen. Sechsstellig, siebenstellig, irgendwann zehnstellig. Immer Umsatz, nie Gewinn. Zwei Millionen rein, 2,1 raus, im Post steht „2M Jahr". Das ist keine Zahl, das ist ein Kostüm, und Kostüme haben keine Obergrenze. Kein Größenwahn reicht. Keine Selbstgefälligkeit ist zu viel. Bernhard hatte Staatspreise statt Umsätze. Gleiche Funktion, gleiche Leere: ein Beweis von außen, der nichts beweist.
Umsatz als Immunsystem
Das Kostüm ist nicht nur Schmuck, es ist auch die Waffe.
Der Zug geht so: Widerspruch wird nicht beantwortet, der Widersprechende wird eingestuft. Das sagen nur Leute ohne Umsatz. Wer richtig verkauft, sieht das anders. Wer Ambitionen hat, versteht es sofort.
Das ist unwiderlegbar gebaut, und zwar mit Absicht. Die Zahl kann keiner prüfen. Zweifel an der Zahl gilt als Beweis, dass man sie selbst nicht hat. Jede Nachfrage bestätigt den Befragten. In diesem Aufbau kannst du nur verlieren oder schweigen, und Schweigen zählt als Zustimmung.
Dazu die einstudierte Schlamperei. Rechtschreibfehler werden nicht korrigiert, sie werden ausgestellt: Seht her, ich habe Wichtigeres zu tun. Wer sie bemerkt, ist vorher schon einsortiert. Kleinlich. Neidisch. Ohne Umsatz. Der Fehler ist keine Nachlässigkeit, der Fehler ist ein Filter. Er sucht die Leute, die etwas sagen würden, und markiert sie, bevor sie etwas sagen.
Dann die Grenze im Klartext. Das Angebot sei nichts für Leute, die ihr Leben falsch sortiert haben. Die Zielgruppe wird nicht beschrieben, sie wird durch Ausschluss gebaut. Wer dazugehören will, muss jemanden kennen, der draußen steht. Bernhards bessere Gesellschaft in der billigsten Bauweise.
Am Ende der Sicherungsbolzen: Nicht aufregen, war ja nur eine Bemerkung. Erst treten, dann erklären, dass es kein Tritt war. Ab da ist jede Reaktion der Beweis, dass du zu dünnhäutig bist. Derselbe Griff wie beim schwarzen Balken: die Tat und der Schutz vor dem Vorwurf in einer Bewegung.
Das Beste steht meistens mittendrin. Solche Posts werfen ihren Kritikern gern vor, in ihrer immer gleichen Routine festzustecken. Geschrieben in einem Text, der denselben Satzbau fünfmal hintereinander bringt. Wer nicht aus dem Zimmer kommt, erkennt man daran, dass er den anderen das Zimmer vorwirft.
Kein Spiegel im Raum
Sartre hat dieselbe Wohnung schon 1944 möbliert, nur ohne Fenster. „Geschlossene Gesellschaft". Drei Leute, ein Zimmer, kein Ausgang.
Der Satz, den alle kennen, ist „Die Hölle, das sind die anderen", und fast alle benutzen ihn falsch, als Fluch auf nervige Mitmenschen. Gemeint ist etwas Kälteres. In dem Zimmer hängt kein Spiegel. Estelle will wissen, wie sie aussieht, und muss dafür in die Augen der anderen schauen. Ab da gehört sie ihnen. Wer sein Bild von sich nur von außen bekommt, ist erpressbar, und zwar von jedem im Raum.
Das ist der Feed. Kein Spiegel, nur Reaktionen. Du erfährst an der Zahl unter dem Post, was du bist. Der selbstverliehene Titel hält, solange der Raum ihn bestätigt, und deshalb kann der Raum ihn jederzeit einziehen. Das Licht geht nie aus, die Augen gehen nie zu.
Und dann die Stelle, die bei Sartre wirklich wehtut: Es gibt keinen Folterknecht. Kein Teufel, keine Instrumente, keine Aufsicht. Die drei erledigen das gegenseitig, umsonst, ohne dass jemand sie dazu zwingt. Genau so läuft der Pranger. Keine Plattform verlangt Screenshots. Die Leute liefern die Strafe selbst, kostenlos, und nennen es Community.
Der Ablass
Dann der Post über psychische Gesundheit. Grenzen setzen. Auf sich achten. Es ist okay, nicht okay zu sein.
Geschrieben von Leuten, die ihr Team verbrennen, Rechnungen liegen lassen und um halb zwölf Sprachnachrichten schicken. Die Giftigsten im Raum reden am lautesten über Achtsamkeit, und keiner lacht.
Doppelmoral wäre die freundliche Erklärung. Die richtige: Verletzlichkeit ist ein Format. Sie bringt Reichweite wie alles andere, nur billiger, und sie ist unangreifbar. Gegen eine These kann man argumentieren. Gegen ein Geständnis nicht. Deshalb wird gestanden.
Dorian Gray hatte wenigstens noch ein Bild auf dem Dachboden, das die Rechnung mitgeschrieben hat. Heute ist das Bild der Feed, und er altert in die falsche Richtung. Dazu habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.
Das Urteil lautet nie „hat mich genervt"
Im Post steht nie, dass die Nachricht genervt hat. Im Post steht, dass der Absender zu blöd für seinen Job ist.
Schlechtes Outreach. Kein Research. Zu faul, das Profil zu lesen. Hat Vertrieb nicht verstanden. Wahrscheinlich von einer KI geschrieben. Berufsverfehlung.
Das ist der ganze Trick. Deine Laune unterschreibt keiner. Ein Kompetenzurteil unterschreiben alle. Also wird aus „ich mag das nicht" ein Befund, und der Befund geht raus an vierhundert Leute, damit sie mitzeichnen.
Grundlage: eine Nachricht. Keine Antwortquote, keine Pipeline, kein Abschluss. „Ich hätte da nie geantwortet" ist keine Zahl. Das ist eine Stichprobe von eins, erhoben von jemandem, der nie gemeint war. Vielleicht ist die Nachricht Mist. Vielleicht läuft sie bei zweihundert anderen. Nachgesehen hat es keiner, weil Nachsehen die Pointe kostet.
Und dann die Stelle, an der es kippt: aus „die Nachricht ist schlecht" wird „der Mensch ist unfähig". Eine Nachricht kann man neu schreiben. Einen Menschen nicht. Genau deshalb macht man es. Ein Vorwurf, der sich reparieren lässt, trägt keine vierhundert Reaktionen.
Wer DMs schreibt, hat keinen Verteiler
Jetzt die Richtung. Sie stimmt nie.
Wer eine Firma anfängt und ein neues Angebot gegen einen eingerichteten Zustand stellt, bekommt zuerst Ablehnung und Geringschätzung. Nicht manchmal. Immer. Keiner kommt daran vorbei. Und wer keine Reichweite hat, hat keine Wahl: kein Publikum, nur eine Liste.
Der Post kommt von der anderen Seite. Vierhundert Reaktionen sind kein Glück, das ist Infrastruktur. Da macht sich Distribution über fehlende Distribution lustig. Von oben nach unten. Und verbucht es als Haltung.
Vierzehn Tage vorher stand auf demselben Profil: einfach anfangen, Mut zur Lücke, tausend Neins bis zum ersten Ja. Auf dem Screenshot ist genau einer zu sehen, der das tut. Er wird dafür vorgeführt.
Und die Ablehnung wird gelesen, als wäre sie ein Ergebnis. Ist sie nicht. Ein eingerichteter Zustand sagt zu allem Neuen erst mal nein, egal wie gut es ist. Wäre ein Nein Information, gäbe es nichts Neues.
Kein Freibrief: Schlechtes Outreach gibt es. Massenmail ohne Bezug, dreimal nachgefasst, generiert und vom Absender selbst nie gelesen. Das darf einen ärgern. Die Frage ist, wohin der Ärger geht. Löschen: in Ordnung. Zurückschreiben: besser. Ein Publikum zusammentrommeln: nicht in Ordnung.
Der Balken
Der geschwärzte Name ist die schlimmste Stelle, nicht die harmloseste.
Der Balken sagt: Ich bin anständig. Und liefert trotzdem. Halbanonym heißt, dass die Branche in drei Kommentaren rät, und dann steht unter dem Post, was der Poster selbst nicht schreiben wollte. Sehr praktisch. Der Balken schützt nicht den, der darunter liegt. Er schützt den, der ihn gemalt hat.
Wer den Namen schützen will, postet nicht.
Beide Möglichkeiten lagen die ganze Zeit da. Antworten. Oder nicht antworten. Kosten null Reichweite. Deshalb nimmt sie keiner.
Verlogenheit, nicht Lüge
Bernhards Wort ist nicht Lüge. Es ist Verlogenheit.
Eine Lüge weiß, was sie tut. Man kann sie stellen, sie hat einen Urheber und eine Uhrzeit. Verlogenheit hat sich eingerichtet. Sie braucht kein Bewusstsein mehr, sie läuft von allein, und sie merkt nichts, weil alle im Raum dieselbe Bewegung machen.
Deshalb bringt der Vorwurf nichts. Keinem lässt sich nachweisen, dass er sich eingerichtet hat.
Was hilft, ist ein Test, keine Moral: Schreib nichts über eine Gruppe, zu der du dich nicht dazuzählst. Funktioniert deine Kritik nur, solange du nicht darin vorkommst, war es nie Kritik. Dann war es Werbung.
Der Mann im Sessel bleibt sitzen, isst mit und geht nach Hause mit dem Wissen, dass er dazugehört.
Kein Posting endet so. Sie enden mit: Wie seht ihr das?
Das ist keine Frage. Das ist die Aufforderung zum Applaus, und alle im Raum wissen es. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern einsortiert: negativ, verbittert, hat es selbst nicht geschafft, versteht das Geschäft nicht. Der Kommentar bekommt von niemandem ein Herz und rutscht unter die Falz.
Die aufgeblasene Präsenz lässt genau eine Antwort zu. Zustimmung ist erlaubt. Ergänzung ist erlaubt, wenn sie bewundert. Widerspruch ist Ketzerei, und Ketzer werden nicht diskutiert, sondern entfernt. Kommentar gelöscht. Profil blockiert. „Schade, dass du das so siehst."
Das Abendessen hatte wenigstens einen Tisch, an dem alle saßen und sich gegenseitig aushalten mussten. Hier steht einer vorn und der Rest klatscht. Wer nicht klatscht, steht vor der Tür.
Bei Sartre geht die Tür am Ende auf. Keiner geht.
Quellen und Stand
Stand: 22. September 2026. Dies ist ein Meinungsbeitrag.
- Thomas Bernhard, Holzfällen. Eine Erregung, Suhrkamp 1984. Der Ohrensessel, das künstlerische Abendessen und der Lauf durch die Innenstadt am Schluss sind die tragenden Motive. Die Zuschreibung „die österreichische Virginia Woolf" fällt im Roman über die Schriftstellerfigur Jeannie Billroth. Alles hier ist Paraphrase, kein wörtliches Zitat.
- „Sie reden von der besseren Gesellschaft, weil es für die beste nicht gereicht hat“ ist meine Zuspitzung im Geist des Buchs, kein Bernhard-Zitat.
- Jean-Paul Sartre, Huis clos („Geschlossene Gesellschaft"), uraufgeführt 1944. Der fehlende Spiegel, Estelles Frage nach ihrem Aussehen, das Fehlen eines Folterknechts und die Tür, die sich am Schluss öffnet, ohne dass jemand hinausgeht, stehen so im Stück. „Die Hölle, das sind die anderen" ist Garcins Satz.
- Die LinkedIn-Muster sind zusammengefasste Beobachtungen aus dem eigenen Feed. Ohne Beispiele, Namen oder Screenshots, aus dem im Text genannten Grund.