Gedanken. Was mir beim Zuschauen auffällt.
Es gibt ein Bild, das in jeder größeren Debatte wieder auftaucht. Ein Comic, ein paar Kästchen, am Ende ein Satz mit Popper darunter: Wer die Intoleranten toleriert, schafft die Toleranz ab. Es wird geteilt, um jemanden auszuschließen. Und es wird geteilt, um sich darüber lustig zu machen, dass jemand ausgeschlossen wird. Beide Seiten zitieren denselben Mann, und beide Seiten hören an derselben Stelle auf zu lesen.
Ich habe es lange genauso gemacht. Dann habe ich nachgeschlagen, wo der Satz eigentlich steht.
Er steht in einer Fußnote
Karl Popper schreibt „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" während des Zweiten Weltkriegs im Exil in Neuseeland. Er hat Wien 1937 verlassen. Das Buch erscheint 1945 in London, zwei Bände, eine Abrechnung mit Platon, Hegel und Marx, und mit der Idee, dass irgendjemand die richtige Antwort auf die Frage „Wer soll herrschen?" besitzt.
Das Toleranz-Paradox ist nicht das Thema dieses Buches. Es steht in den Anmerkungen zum siebten Kapitel, in einer Fußnote, und Popper stellt es dort nicht allein auf. Er nennt drei Paradoxe nebeneinander: das der Freiheit, bei dem grenzenlose Freiheit den Starken freistellt, den Schwachen zu unterwerfen. Das der Demokratie, bei dem eine Mehrheit beschließen kann, dass ein Tyrann regieren soll. Und, wie er selbst schreibt, das „weniger bekannte" Paradox der Toleranz.
Der Teil, den alle kennen, lautet in der deutschen Ausgabe so:
„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen."
Bis hierhin reicht das Sharepic.
Der Satz danach
Popper schreibt weiter. Und der nächste Gedanke ist keine Fußnote zur Fußnote, er ist die Einschränkung, ohne die der erste Teil eine Gebrauchsanweisung für Zensur wäre. Er sagt, damit sei nicht gemeint, dass man intolerante Philosophien immer unterdrücken solle. Und dann:
„… solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig."
Höchst unvernünftig. Nicht „unter Umständen problematisch". Popper hält es für einen Fehler, Meinungen zu unterdrücken, denen man noch widersprechen kann.
Erst danach kommt das Recht auf Unterdrückung, und zwar mit einer Begründung, die genau beschreibt, wann es greift. In meiner Übersetzung: Es könne sich leicht herausstellen, dass sie nicht bereit sind, uns auf der Ebene rationaler Argumente zu begegnen, sondern damit beginnen, jedes Argument zu verwerfen. Sie könnten ihren Anhängern verbieten, auf Argumente zu hören, weil die trügerisch seien, und sie lehren, Argumente mit Fäusten oder Pistolen zu beantworten.
Das ist die Schwelle. Nicht: eine Meinung, die ich verabscheue. Sondern: eine Bewegung, die das Gespräch selbst abschafft und an seine Stelle Gewalt setzt.
Die Schwelle ist eine Prüffrage
Wenn man die Fußnote ganz liest, verwandelt sich der Satz aus dem Sharepic. Er ist dann keine Erlaubnis mehr, sondern eine Frage, die man sich stellen muss, bevor man ihn benutzt:
Kann ich dem noch mit Argumenten beikommen?
Wenn ja, ist Unterdrückung nach Popper ein Fehler, und zwar einer, der die offene Gesellschaft selbst beschädigt. Denn ihr ganzer Vorteil besteht darin, dass Irrtümer öffentlich auffallen und korrigiert werden können. Wer eine Meinung verbietet, die man noch widerlegen könnte, verzichtet auf genau diesen Mechanismus. Und er gibt der Meinung etwas, das sie vorher nicht hatte: den Status des Verbotenen.
Wenn nein, wenn auf der anderen Seite niemand mehr zuhört, weil Zuhören verboten wurde, und wenn statt Argumenten Drohungen und Gewalt kommen, dann hat die offene Gesellschaft nach Popper das Recht, sich zu wehren. Notfalls mit Gewalt.
Beides steht in derselben Fußnote. Wer nur die eine Hälfte zitiert, zitiert nicht Popper, sondern sich selbst mit Poppers Namen darunter.
Wer entscheidet
Bleibt die Frage, an der jede Debatte über das Paradox irgendwann hängen bleibt: Wer stellt fest, dass die Schwelle überschritten ist?
Bei Popper ist die Antwort keine Person und schon gar kein Publikum. Am Ende der Fußnote schreibt er, man solle geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und die Aufstachelung zu Intoleranz und Verfolgung als Verbrechen betrachten, so wie die Aufstachelung zu Mord oder Entführung.
Das ist der Teil, den beide Lager gern überspringen. Popper verlagert die Entscheidung aus der Stimmung in das Recht. Ein Gesetz muss vorher bekannt sein, es gilt für alle gleich, und es wird von Gerichten angewendet, die man anrufen kann. Das passt zu dem, was er im siebten Kapitel eigentlich verteidigt: Die wichtige Frage ist nicht, wer herrschen soll, sondern wie man Institutionen so baut, dass man schlechte Herrscher ohne Blutvergießen wieder loswird.
Das Toleranz-Paradox ist also kein Freifahrtschein für das Gefühl, dass jemand zu weit gegangen ist. Es ist ein Argument dafür, Grenzen in Verfahren zu gießen, bevor man sie braucht.
Zwei Arten, Popper falsch zu zitieren
Die erste: Jeder, der mir widerspricht, ist intolerant. Dann wird das Paradox zur Lizenz, Gesprächspartner zu Feinden der offenen Gesellschaft zu erklären. Das ist das Gegenteil dessen, was Popper schreibt. Eine Meinung, die man widerlegen kann, soll man widerlegen.
Die zweite: Popper war für grenzenlose Toleranz, also darf man nichts verbieten. Auch das steht nicht da. Popper beansprucht ausdrücklich das Recht, Intolerante nicht zu tolerieren, notfalls mit Gewalt, wenn sie Argumente durch Fäuste ersetzen.
Die beiden Fehler sehen aus wie Gegensätze. Sie haben denselben Ursprung: Man liest bis zu der Stelle, die die eigene Position stützt, und hört dort auf.
Was ich daraus mitnehme
Ich benutze das Zitat inzwischen nicht mehr als Schlusspunkt, sondern als Anfang von zwei Fragen.
Die erste: Habe ich noch ein Argument? Wenn ja, dann ist das meine Aufgabe, und keine Moderationsentscheidung. Toleranz im Sinne Poppers ist nicht Freundlichkeit. Sie ist die anstrengende Bereitschaft, auch dann zu widersprechen, wenn Ausblenden bequemer wäre.
Die zweite: Wer entscheidet, und nach welchem Verfahren? Wenn die Antwort lautet „ich, jetzt, weil es sich falsch anfühlt", dann bin ich nicht bei Popper. Dann bin ich bei der Frage, gegen die er sein ganzes Buch geschrieben hat.
Das Paradox ist ein guter Satz. Es lohnt sich, ihn zu Ende zu lesen.
Stand: 11. Oktober 2026. Dies ist ein Meinungsbeitrag. Die Belege:
- Karl R. Popper, The Open Society and Its Enemies, Bd. 1, Routledge, London 1945, Anmerkungen zu Kapitel 7, Anmerkung 4. Die drei Paradoxe (Freiheit, Toleranz, Demokratie) stehen dort nebeneinander.
- Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, Francke, Bern 1957, S. 359. Die beiden deutschen Zitate stammen aus dieser Ausgabe. Die übrigen Teile der Anmerkung (Argumente mit Fäusten oder Pistolen beantworten, Aufstachelung als Verbrechen) habe ich aus dem englischen Original übersetzt.
- Der Gedanke, dass sich Demokratie daran bemisst, ob man eine Regierung ohne Blutvergießen loswerden kann, steht im siebten Kapitel desselben Bandes.