Gedanken. Was mir beim Zuschauen auffällt.
18 Uhr, der erste Balken steht. AfD 44 Prozent. CDU 18,5. Linke 9, SPD 9, Grüne 8,5, BSW 4,8, FDP 2,5. Das ist eine Prognose, kein Endstand, und bis zur letzten Auszählung wird sich das noch bewegen. Für den einzigen Satz, der heute Abend zählt, reicht es trotzdem.
2021 stand die CDU in Sachsen-Anhalt bei 37,1 Prozent, die AfD bei 20,8. Fünf Jahre später hat sich das umgedreht und mehr als das: minus 18,6 auf der einen Seite, plus 23,2 auf der anderen. Nach dieser Prognose landet eine Partei, die der Landesverfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch führt, knapp unter der absoluten Mehrheit der Sitze. Alle anderen zusammen liegen knapp darüber.
Und dann beginnt das Gerede.
Die Zahl stand nicht seit gestern da
Der einzige Satz, den heute Abend niemand sagen darf, lautet: „Damit hat niemand gerechnet."
Fünf Jahre Umfragen, öffentlich, jederzeit nachlesbar. 2021 gewann die CDU die Wahl mit 37,1 Prozent, die AfD kam auf 20,8. Im Februar 2022 stand die AfD immer noch bei 20. Dann ging es los: 26 im März 2023, 29 im Juni, 33 im Oktober 2023, zum ersten Mal vor der CDU.
Und dann kam die Pause, die alles erklärt. Vom Frühjahr 2024 bis in den Sommer 2025 lag die AfD in jeder Umfrage zwischen 29 und 31. Fünf Erhebungen in fünfzehn Monaten, alle im selben Korridor, die CDU jedes Mal knapp davor. Das sah aus wie ein Deckel.
Im September 2025 stand sie bei 39, im Oktober bei 40. Neun Punkte in drei Monaten. Die CDU fiel im selben Zeitraum von 34 auf 27. Seitdem, elf Monate lang, ist die AfD nie wieder unter 38 gewesen und die CDU nie wieder über 27. Bestätigt Monat für Monat, von INSA, Infratest dimap, pollytix und der Forschungsgruppe Wahlen, also von unterschiedlichen Instituten mit unterschiedlichen Methoden.
Das ist keine Überraschung. Das ist eine Vorwarnzeit, wie sie ein politisches System selten bekommt.
Was in diesen elf Monaten passiert ist: Podiumsdiskussionen. Was nicht passiert ist: irgendetwas, das die Menschen in Sachsen-Anhalt an ihrem Alltag hätten ablesen können.
Deshalb ist das Interessante an diesem Abend nicht das Ergebnis. Das Interessante ist die Tonlage danach. Man muss nur zwanzig Minuten zuhören, um zu merken: Die Deutungsroutine ist exakt dieselbe wie 2016, 2019, 2021 und 2024. Wir müssen die Sorgen ernst nehmen. Wir müssen besser erklären. Wir müssen die Menschen zurückgewinnen. Die Brandmauer steht.
Dieselben Sätze, um eine Zahl herum, die sich seit dem letzten Mal verdoppelt hat. Das ist der Punkt, an dem ich an ein Buch denken muss.
Ein Buch über das Wie, nicht über die Schuld
Christopher Clarks „Die Schlafwandler" gilt als Buch über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das ist es auch. Interessant ist es aus einem anderen Grund.
Clark weigert sich, die Frage zu beantworten, die alle von ihm wollen. Er schreibt, der Kriegsausbruch von 1914 sei kein Agatha-Christie-Drama, an dessen Ende man den Täter mit der rauchenden Pistole über der Leiche findet. Es gebe keinen rauchenden Colt in dieser Geschichte, oder vielmehr: Es gebe einen in der Hand jeder einzelnen Hauptfigur.
Er ersetzt das Warum durch ein Wie. Nicht: Wer war schuld? Sondern: Wie kann ein Kontinent voller kluger, gut informierter, arbeitsamer Leute mit funktionierenden Nachrichtendiensten, Telegrafen und Botschaftern innerhalb von fünf Wochen in etwas hineinlaufen, das keiner von ihnen wollte?
Seine Antwort ist unbequem, weil sie niemanden entlastet und trotzdem niemanden zum Monster macht. Die Entscheider von 1914 waren keine Idioten. Sie waren Fachleute in fragmentierten Apparaten. Außenpolitik wurde nicht von einer Stimme gemacht, sondern von vielen: Monarch, Generalstab, Außenministerium, Botschafter mit eigener Agenda, Presse, Parlament. Jeder handelte innerhalb seines Rahmens vernünftig. Jeder einzelne Schritt war für sich verteidigbar. Die Summe war eine Katastrophe.
Der Satz, wegen dem das Buch heißt, wie es heißt, steht am Schluss: Die Protagonisten von 1914 waren Schlafwandler, „watchful but unseeing, haunted by dreams, yet blind to the reality of the horror they were about to bring into the world". Wachsam, aber blind. Nicht ahnungslos. Nicht uninformiert. Wachsam.
Das ist die Diagnose, die mich heute Abend nicht loslässt. Nicht der Vergleich mit 1914. Der Vergleich mit 1914 ist Unsinn, und wer heute Weimar ruft, macht es sich zu leicht. Sondern der Mechanismus: ein System, das alle Informationen hat, sie korrekt liest, sie in Sitzungen bespricht, sie in Papieren dokumentiert, und trotzdem nicht handelt, weil die Handlung in keinem der Rahmen vorgesehen ist, in denen die Beteiligten arbeiten.
Warum niemand bremst, obwohl alle bremsen wollen
Der eigentliche Grund, warum Clarks Buch so unangenehm ist: Es macht die Katastrophe zu einer Eigenschaft des Systems, nicht zu einer Eigenschaft der Charaktere. Man kann alle Beteiligten austauschen, und das Ergebnis wiederholt sich, solange die Anreize dieselben bleiben.
Die deutsche Version dieser Fragmentierung heißt Föderalismus, und ich meine das ohne Häme. Sie funktioniert so:
- Der Zuständige ist nie der Verantwortliche. Schule ist Land, Gebäude ist Kommune, Geld ist Bund. Wenn der Unterricht ausfällt, gibt es drei Ebenen, die alle wahrheitsgemäß sagen können, dass sie es allein nicht lösen können.
- Jede Ebene kann blockieren, keine kann liefern. Ein Nein braucht eine Instanz. Ein Ja braucht sechzehn plus Brüssel plus ein Gericht.
- Der Reformhorizont ist länger als die Legislatur. Wer eine Verwaltung umbaut, trägt die Kosten im eigenen Wahlkampf und übergibt den Nutzen dem Nachfolger. Das ist kein Charakterfehler, das ist eine Auszahlungsmatrix.
- Belohnt wird die Ankündigung, nicht der Vollzug. Die Ankündigung kommt in die Nachrichten. Der Vollzug kommt drei Jahre später in einen Rechnungshofbericht, den keiner liest.
Jeder Einzelne in diesem Apparat handelt rational. Genau das ist das Problem. Clarks Schlafwandler waren auch alle rational.
Die Partei ist nicht die Ursache. Sie ist die Quittung.
Jetzt die These, um die es mir geht, und sie ist unbequemer als das Übliche.
Die AfD wächst nicht an ihrem Programm. Sie wächst an der Lücke zwischen dem, was der Staat verspricht, und dem, was er liefert. Jedes gerissene Versprechen ist ein kostenloser Werbespot für die Partei, deren einziges Angebot lautet: Das Ding funktioniert nicht, und wir machen es kaputt.
Ein Beispiel, das man nachprüfen kann. Das Onlinezugangsgesetz von 2017 hat sich selbst eine Frist gesetzt: bis Ende 2022 sollten 575 Verwaltungsleistungen digital verfügbar sein. Die Frist verstrich. Anfang 2025, gut zwei Jahre nach Fristende, waren 196 dieser 575 Leistungen bundesweit online. Es gab keine Konsequenz, keinen Rücktritt, keine Korrektur der Methode. Es gab ein OZG 2.0 mit einer neuen Frist.
Nimm diesen Vorgang und multipliziere ihn mit dem Rest: Planungsverfahren, die länger dauern als der Bau, Genehmigungen, die in Papierakten liegen, Gerichte, deren Verfahrensdauer bekannt und deren Personaldecke bekannt ist, Bahnstrecken, deren Sanierung angekündigt, verschoben und erneut angekündigt wird. Jede dieser Geschichten hat ihre eigene gute Erklärung. Der Bürger sieht nicht die Erklärungen. Er sieht die Bilanz.
Und dann kommt jemand und sagt: Ihr habt recht, es funktioniert nicht.
Der erste halbe Satz stimmt. Das ist die ganze Kraft.
Der ehrliche Einwand dagegen, und ich nehme ihn ernst: Zustimmung zur AfD ist nicht monokausal Leistungsfrage. Die Forschung zeigt seit Jahren, dass Haltungen zu Migration und kultureller Zugehörigkeit stärker erklären als die eigene wirtschaftliche Lage, und der Osten hat zusätzlich eine Transformationsgeschichte, die im Westen niemand mitgemacht hat. Wer das leugnet, macht sich die Sache bequem.
Nur ändert das an der Schlussfolgerung nichts. Denn von allen Ursachen ist die Lieferfähigkeit des Staates die einzige, die vollständig in der Hand derer liegt, die gerade betroffen aussehen. Kultur kann man nicht per Kabinettsbeschluss drehen. Eine Bearbeitungszeit schon. Wer den kontrollierbaren Teil nicht anfasst, verhandelt über den unkontrollierbaren. Das ist keine Strategie, das ist eine Ausrede mit Struktur.
Die gefährlichste Erfahrung ist die, dass es letztes Mal gutging
Hier wird Clark konkret nützlich.
Vor 1914 gab es eine Reihe von Krisen, die alle glimpflich ausgingen. Die bosnische Annexionskrise 1908. Agadir 1911. Die Balkankriege 1912 und 1913. Jedes Mal wurde eskaliert, jedes Mal wurde am Ende verhandelt, jedes Mal blieb der große Krieg aus. Die Kabinette lernten daraus genau das Falsche: Es geht immer noch mal gut. Die Erfahrung der Deeskalation war der Grund, warum 1914 niemand rechtzeitig auf die Bremse ging.
Genau dieses Lernen läuft hier seit zehn Jahren.
2016 kam die AfD in Sachsen-Anhalt auf 24,3 Prozent, und es hieß: Protest, Ausreißer, geht vorbei. 2021 fiel sie auf 20,8, und es hieß: Seht ihr, der Zenit ist überschritten. 2024 lag sie fünfzehn Monate lang zwischen 29 und 31, und es hieß: Deckel, mehr geht nicht. Jede dieser Beobachtungen war für sich richtig. Jede wurde am nächsten Morgen in eine Erzählung überführt, in der das System sich selbst bestätigt hat. Der Koalitionsrechner ging immer noch auf. Die Brandmauer hielt. Also blieb alles, wie es war.
Die Lehre, die daraus gezogen wurde, lautet: Es geht immer noch mal gut. Und heute Abend geht der Koalitionsrechner nach dieser Prognose gerade so und nur, wenn CDU, Linke, SPD und Grüne gemeinsam eine Regierung bilden. Vier Parteien, die inhaltlich fast nichts verbindet außer der Notwendigkeit, eine fünfte zu verhindern.
Eine Regierung, deren gemeinsamer Nenner die Abwehr ist, wird vier Jahre lang nicht liefern. Und Nichtliefern ist, siehe oben, der Treibstoff.
Das ist die Falle, und sie ist mathematisch, nicht moralisch: Die Brandmauer verteidigt das Symptom und lässt den Generator laufen. Sie ist notwendig. Sie ist nur eben keine Politik. Eine Verteidigungslinie ohne Lieferung dahinter ist ein Countdown.
Geschichte wiederholt sich nicht. Die Dummheit schon.
Der Satz, der heute Abend überall fallen wird, lautet: Die Geschichte wiederholt sich. Er ist falsch, und er ist bequem, weil er das Denken ersetzt. Keine Lage ist wie eine frühere. Deutschland 2026 ist nicht Weimar, die Bundeswehr ist kein Kaiserreich, und die Institutionen halten deutlich mehr aus, als der Pessimismus behauptet.
Was sich wiederholt, ist nicht die Lage. Es ist der Fehler.
Und mit Dummheit meine ich nicht mangelnde Intelligenz. Die Leute in den Apparaten sind nicht dumm, genauso wenig wie die Kabinette von 1914 dumm waren. Ich meine einen sehr konkreten, immer gleichen Denkfehler:
Einen Prozess für umkehrbar zu halten, weil er bisher umkehrbar war.
Das ist er. Das ist die ganze Dummheit, und sie hat kein Verfallsdatum. Sie tritt in Kabinetten auf, in Vorständen, in Beziehungen und in Wartungsplänen. Sie sieht in jedem Einzelfall wie Gelassenheit aus. Sie ist im Nachhinein immer nur eine Frage: Warum habt ihr gewartet, ihr habt es doch gesehen?
Weil es letztes Mal gutging.
Woran ich merke, dass ich selbst schlafwandle
Der bequemste Satz nach diesem Artikel wäre: Die da oben schlafwandeln, ich bin wach. Das ist exakt der Satz eines Schlafwandlers. Clarks Buch funktioniert nur, wenn man den Spiegel nicht wegdreht.
Also die Gegenprobe, an der meine These scheitern darf. Sie ist falsch, wenn Folgendes passiert: Ein Land liefert messbar. Bearbeitungszeiten sinken, Unterrichtsausfall sinkt, Bauzeiten sinken, und zwar in einer Größenordnung, die Menschen im eigenen Alltag bemerken. Und die Zustimmung zur AfD bleibt trotzdem, wo sie ist.
Dann ist mein Modell widerlegt, und das Problem liegt woanders, tiefer und unangenehmer, nämlich im kulturellen Konflikt selbst. Es wäre gut, das zu wissen. Es wäre auch besser als der jetzige Zustand, in dem niemand den Test macht, weil niemand liefert.
Ich bin ziemlich sicher, dass ich recht habe. Sicher genug, um es hier so hart aufzuschreiben. Nicht sicher genug, um mir den Test zu ersparen. Über den Unterschied zwischen einer Erklärung und einem Mechanismus habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben, und er gilt gegen diesen Text genauso wie gegen die Talkshow.
Was Aufwachen heißen würde
Nicht besser kommunizieren. Kommunikation ist das, was man macht, wenn man nicht liefert.
Aufwachen wäre unspektakulär und würde sich an drei Dingen erkennen lassen:
- Eine Zahl pro Ressort, öffentlich, monatlich. Nicht zehn. Eine, die der Betroffene selbst spürt: Tage bis zur Baugenehmigung, ausgefallene Unterrichtsstunden, Verfahrensdauer. Veröffentlicht, ohne Deutung daneben.
- Eine Konsequenz, wenn die Zahl gerissen wird. Nicht Rücktritt als Theater. Sondern: Die Methode wird gewechselt, sichtbar, und wer sie verteidigt hat, verteidigt sie nicht weiter.
- Ein Vorhaben, das in einer Legislatur fertig wird. Eines. Fertig ist wichtiger als groß. Der Beweis, dass dieser Staat einen Vorgang zu Ende bringen kann, ist mehr wert als jedes Programm.
Das ist ärmlich neben dem, was in Wahlprogrammen steht. Es hat einen Vorteil: Man kann es nachprüfen. Und Nachprüfbarkeit ist das Einzige, was gegen jemanden hilft, der behauptet, hier funktioniere nichts mehr.
Heute Abend um 18 Uhr stand ein Balken bei 44 Prozent. Es war nicht der erste Hinweis. Es war der elfte Monat desselben Hinweises.
Wachsam, aber blind.